Bachmann-Preis 2 - Viel Lob für Marko Dinic

Klagenfurt (APA) - Als Nummer zwei des Wettlesens um den Ingeborg-Bachmann-Preis las am Donnerstagvormittag der in Leipzig lebende Deutsche ...

Klagenfurt (APA) - Als Nummer zwei des Wettlesens um den Ingeborg-Bachmann-Preis las am Donnerstagvormittag der in Leipzig lebende Deutsche Sascha Macht, dessen erster Roman „Der Krieg im Garten des Königs der Toten“ im Frühjahr erschienen war. Sein Text „Das alte Lied von Senor Magma“ spielt im Universitätsmilieu einer von Dschungel umgebenen Stadt.

Ich-Erzähler ist ein offenbar aus politischen Gründen von der Uni entlassener Literaturhistoriker, der „zu anarchistischen Strömungen in der Literatur des vom Bürgerkrieg zerrissenen Spanien“ forscht und albtraumartige Visionen der Zukunft hat. Ein Militärhistoriker, der gerade eine Gastvorlesung hält, spricht von den Schlachtfeldern des späten 21. Jahrhunderts, die den menschlichen Verstand als letzten Raum definierten, „dessen vollständige Eroberung sich dann noch lohnen werde“. Aber auch die politische Gegenwart scheint instabil, Studentenproteste werden von berittener Polizei niedergeschlagen, aus dem Dschungel feuert jeden Morgen ein desertierter Konteradmiral eine Raketensalve auf die Stadt.

Die Jury konnte sich mehrheitlich nicht begeistern. Meike Feßmann ortete „sprachliche Indifferenz“, Klaus Kastberger „Campus-Prosa“ mit einem „Zuviel an Bedeutungsschwere“, Sandra Kegel einen „seltsamen Konservativismus“, während der Text „in jeder Ritze das Katastrophische, das Apokalyptische“ atme. Hubert Winkels fand eine „vollkommene Überdetermination durch Katastrophenszenarien“. Ähnlich Juri Steiner: „Viel zu viel, viel zu groß!“ Stefan Gmünder dagegen hat „den Text durchaus mit Gewinn gelesen“, Hildegard Keller, die Sascha Macht eingeladen hatte, ortete „sehr präzise Sprache“, mit der „eine Welt erschaffen“ werde.

Marko Dinic, ein in Salzburg lebender gebürtiger Wiener mit serbischem Pass, beendete die erste Vormittags-Session mit einem „Als nach Milosevic das Wasser kam“ betitelten Auszug aus einem Roman. Es ist die Erinnerung eines Maturanten an das NATO-Bombardement von Belgrad 1999, als der Ich-Erzähler ein elfjähriger Schüler war, der Milosevic liebte, „weil mein Vater, der Trottel, ihn auch liebte“. Der Text ist auch eine - von Dinic mit viel Emotion vorgetragene und mit serbischen Songeinlagen garnierte - bittere Abrechnung des Sohnes mit seinem Vater, der dem damaligen Regime als Beamter diente und der guten, alten Zeit nachtrauert.

Szenen von damals, als der Ausnahmezustand auch die Schließung der Schulen bedeutete, mischen sich mit der Gegenwart und allgemeinen Betrachtungen wie: „In der Liebe zum Sport zeigt sich, wer am Ende des Tages ein wahrer Serbe ist.“ Die bevorstehenden Prüfungen sind auch eine Weichenstellung: „Wenn das mit der Aufnahmeprüfung klappt, bin ich hoffentlich bald weg. In Deutschland oder Österreich würde mich sicher eine Universität aufnehmen. Schließlich war ich in Deutsch immer gut.“

Das fand auch die Jury, nicht nur Klaus Kastberger, der Dinic eingeladen hatte. Als „unglaublich klar und sehr profiliert“, lobte Hubert Winkels den Text. Die „Beschränkung der Erzählperspektive“ sei eine Qualität des Textes, meinte Meike Feßmann, die sich „sehr überzeugt“ zeigte. Stefan Gmünder war „sehr beeindruckt, wie mit historischen Themen umgegangen wird“, Sandra Kegel fand „eindringliche Bilder“: „Gehen und Erinnerung werden eng geführt.“ Auch Juri Steiner gefiel der Text, fand es allerdings ebenso wie Hildegard E. Keller - die auch falsches Pathos ortete - schade, dass der Erzähler am Ende den Bus verpasst.

Am Nachmittag werden Bastian Schneider und Selim Özdogan lesen.


Kommentieren