Formel 1: Mercedes-Chef Wolff: Brexit hat „gravierende Auswirkungen“

Spielberg (APA) - Der gewollte EU-Austritt Großbritanniens trifft auch die Formel 1 mit voller Breitseite. „Das hat schon gravierende Auswir...

Spielberg (APA) - Der gewollte EU-Austritt Großbritanniens trifft auch die Formel 1 mit voller Breitseite. „Das hat schon gravierende Auswirkungen“, sagte Mercedes-Führungskraft Toto Wolff vor dem Österreich-Grand-Prix in Spielberg und sprach von politischem „Aktionismus, der ein Gesamtland in eine unmögliche Situation stürzt“. Auch seine eigene Zukunft sieht der Österreicher mit einem Fragezeichen behaftet.

„Der Brexit macht keinen Unterschied“, hatte der 85-jährige Formel-1-Chefvermarkter Bernie Ecclestone in der vergangenen Woche lautstark verkündet und über den Ausgang des Referendums gejubelt. Doch die Entscheidung seiner Landsleute könnte sein Lebenswerk in Turbulenzen stürzen. Nicht nur für kleinere Rennställe könnten sich Budgetprobleme in Zukunft drastisch verschlimmern. Auch finanzkräftige Teams sind betroffen, wenngleich Langzeitprognosen aufgrund der unklaren Situation noch schwierig sind.

Acht der elf Formel-1-Rennställe haben Fabriken in England: Mercedes, Red Bull, Williams, Renault, McLaren-Honda, Force India, Manor und Haas. Direkt betroffen sind sie durch den Wertverlust des britischen Pfund seit dem Votum am Donnerstag der Vorwoche.

„Ja, für uns macht es einen Unterschied, weil wir in Pfund bezahlt werden. Für die vielen Ausländer, die im Team arbeiten, bedeutet eine Pfund-Schwäche eine Kaufkraftschwächung im eigenen Land“, erklärte Wolff am Donnerstag. Alleine in der Mercedes-F1-Fabrik in Brackley seien rund 20 Prozent der an der Produktion des Chassis beteiligten Mitarbeiter EU-Ausländer, in absoluten Zahlen etwa 150 Mitarbeiter. In Brixworth haben die Stuttgarter zudem einen zweiten Formel-1-Standort.

Zweitens führt die Pfund-Schwäche für alle englischen Mitarbeiter zu einer Kaufkraftschwächung auch im Ausland, etwa bei Urlaubsreisen. „Das wird für den einen oder anderen Aha-Effekt im Juli oder im August sorgen“, bemerkte Wolff. Auch die arbeitsrechtlichen Konsequenzen könnten beträchtlich sein. „Auch ich bin dadurch betroffen. Ob sie mir eine Arbeitserlaubnis in England weiter ausstellen, ist wieder eine andere Frage“, meinte der Wiener.

Wobei prinzipiell schwer vorstellbar ist, dass Großbritannien in Zukunft kein System entwirft, das Visa-Erleichterungen für hoch qualifizierte EU-Ausländer bietet. Garantiert wird damit jedoch ein bürokratischer Mehraufwand verbunden sein, wahrscheinlich müssen auch zusätzliche Gebühren entrichtet werden.

Das wird umgekehrt wohl auch bei Briten gelten, die auf dem Festland Beschäftigung suchen. Wolff: „Wir haben jede Menge Engländer, die in Deutschland bei Daimler arbeiten oder bei HWA im D-Team.“

In ähnlicher Weise werden die Formalvorschriften bei der Logistik wachsen. Die Teams sind ausufernde Zoll-Formalitäten von den Trips nach Übersee zwar gewohnt, bald wird das für einige aber das ganze Jahr über zum Alltag werden. Gerade die Bürokratie-Problematik sollte nicht unterschätzt werden. Denn zusätzliche Prozesse benötigen mehr Zeit, die sonst in andere Aufgaben investiert werden könnte. Das bedeutet letztlich wiederum steigende Kosten.

In letzter Konsequenz kann sich Wolff auch die Verlegung der Homebase auf das EU-Festland vorstellen. „Für uns stellen sich konkret Fragen: Was passiert mit den Mitarbeitern, die wir in England haben, die aus der EU kommen? Können die dann weiterarbeiten? Sind wir dann als Standort in England weiterhin attraktiv oder wird es notwendig sein, sich in der EU nach etwas umzuschauen?“,

Konkurrenten sehen das Thema entspannter. „Zumindest in den nächsten zwei Jahren wird alles gleich bleiben. Großbritannien wird sich eine komplette Abschottung nicht leisten können, momentan haben wir also deshalb noch keine Sorgen“, meinte Red-Bull-Berater Helmut Marko. Während Toro Rosso in Italien (Faenza) zu Hause ist, steht die Fabrik von Red Bull Racing bekanntlich in Milton Keynes in England.

Und „Bullen“-Teamchef Christian Horner scherzte: „Momentan sind wir für die Gruppe wegen des Pfund sogar um zehn Prozent günstiger geworden.“

Wolff vertritt eine andere Denkschule. „Ich sage, das ist alles ein riesengroßes Missverständnis“, resümierte der 44-Jährige. In der heutigen globalisierten Welt einen Alleingang außerhalb der Europäischen Union zu suchen, bei allen damit verbundenen Nachteilen, „ist meiner Meinung nach nicht zeitgemäß“, positionierte er sich klar. „Wir werden Lösungen finden müssen.“


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