Das Verbrechen des Zahntechnikers

Lorenzo Vigas gewann mit seinem Schwulendrama „Caracas, eine Liebe“ in Venedig den Goldenen Löwen.

© Filmladen

Von Peter Angerer

Innsbruck –Scheinbar ohne Eile und Ziel schlendert Armando (Alfredo Castro) durch die Straßen von Caracas. Die Kamera ist auf seinen Hinterkopf gerichtet, während Umgebung und Passanten in der Unschärfe verschwimmen, was die Verfolgung einigermaßen unangenehm macht, da das Auge die lange Brennweite zu korrigieren versucht. Endlich hat der Flaneur das Objekt seiner Begierde gefunden. Er wedelt mit einem Geldbündel, der in Venezuela schon durch bloßes Betrachten an Wert verliert. Der junge Mann muss sich in Armandos Wohnung nur das T-Shirt ausziehen und den Hosenbund im Stil der Schwulenmagazine aus den 60er-Jahren nach unten schieben.

Nur mit solchen Demons­trationen von Macht und Verachtung und unter Vermeidung jeder Berührung findet Armando Befriedigung. Ex­treme Schärfenunterschiede gehören auch zu Armandos Beruf. Mit Lupenbrille schleift und repariert der Zahntechniker Prothesen, mit denen er sein bürgerliches und zugleich trauriges Leben finanzieren kann. Anders als der absurde deutsche Verleihtitel „Caracas, eine Liebe“ beschreibt der Originaltitel „Desde allá“ Armandos Lebensmotto – er betrachtet alles „aus der Dis­tanz“. Besonders schmerzhaft erfährt er dieses Defizit der Entfremdung von anderen Menschen, der eigenen Geschichte und damit des Lebens durch den Kleinkriminellen Elder (Luis Silva), der zwar wie seine Vorgänger dem Geldbündel folgt, auf den Befehl nach einer erotischen Pose allerdings mit Gewalt reagiert. Nachdem sich Armando von seinen schweren Verletzungen erholt hat, treibt ihn die vor sich selbst geheimgehaltene Sehnsucht wieder auf die Straße. Einerseits verfolgt er einen alten Mann in den Nobelvierteln von Caracas, andererseits sucht er in den Slums nach einer Spur seines Peinigers. Der alte Mann könnte – vielleicht – sein Vater sein, der ihn und seine Schwester in der Kindheit misshandelt oder gar missbraucht hat.

Die Erkundungen in diesen hermetischen Welten können nur in der Sackgasse eines Verbrechens enden. Wie das Auge sich an die optische Unschärfe gewöhnen muss, liefert der venezolanische Regisseur Lorenzo Vigas in seinem Kinodebüt auch für Herz und Hirn nur Andeutungen. Jeder muss sich mit Vermutungen eine eigene Erzählung zusammenreimen. Für die formale Konsequenz in der Umsetzung (nach einer Geschichte von Guillermo Arriaga, der die frühen Filme von Alejandro González Iñárritu geschrieben hat) wurde „Caracas, eine Liebe“ im vergangenen Jahr beim Filmfestival von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Kommentieren


Schlagworte