Bachmann-Preis - Vom Wald im Schlafzimmer und denkenden Eiern

Klagenfurt (APA) - Mit dem Romanauszug „Betrunkene Bäume“ von Ada Dorian hat der dritte Lesetag beim Bachmann-Wettlesen im Klagenfurter ORF-...

Klagenfurt (APA) - Mit dem Romanauszug „Betrunkene Bäume“ von Ada Dorian hat der dritte Lesetag beim Bachmann-Wettlesen im Klagenfurter ORF-Theater begonnen. Sie erntete eher verhaltenen Zuspruch. Nach ihr brachte Sharon Dodua Otoo eine Erzählung nach Klagenfurt, in der ein Spießerfrühstück von einem Ei sabotiert wird. Die Jury hatte dafür großes Lob übrig, auch dem Publikum gefiel es.

Dorians Text präsentierte eine Art Familienaufstellung, wobei mehrere Handlungsäste angerissen werden. Erich ist ein alter Mann, der einen veritablen Wald in seiner Wohnung angelegt hat, was er vor den anderen verheimlicht. Er lebt in der Vergangenheit und vermisst seine Frau. Seine Tochter will ihn ins Heim stecken, als sie den Wald entdeckt, tut sie es auch. In der Wohnung nebenan versteckt sich ein junges Mädchen, das von zuhause ausgerissen ist. Sie schwänzt die Schule und vermisst ihren Vater, der nach Sibirien gegangen ist, um dort zu arbeiten. Die Verbindung mit ihrem alten Nachbarn ist damit hergestellt, denn er stammt von dort, dem „Fluchtpunkt Sibirien“.

Juryvorsitzender Hubert Winkels meinte, es sei ein symbolisch sehr stark aufgeladener Text, der sich sehr viel vorgenommen hat. Störend empfand er eine „totale Überdeterminiertheit“, eine „richtige Symbolproduktion“. Stefan Gmünder empfand den Text als „fein gearbeitet und fein verknüpft“, war aber nicht ganz überzeugt. Klaus Kastberger befand einerseits, es sei ein „wunderbarer Text“, stets in korrektem Deutsch geschrieben, es liege eine Melancholie darüber. Die „Aktie Roman“ würde er aber nicht kaufen. Meike Feßmann bekrittelte die „umständliche Erzählweise“. Hildegard Keller, die Dorian eingeladen hatte, ortete Widersprüche in der Diskussion. In Zeiten, in der sich alle Strukturen auflösten, könne konventionelle Erzählweise ein Risiko darstellen. Die beschriebenen Welten würden sehr genau erzählt, und zwar in einer sehr anregenden Weise, völlig ohne Pathos. Auch Juri Steiner zeigte sich angetan.

Die Erzählung „Herr Gröttrup setzt sich hin“ von Sharon Dodua Otoo brachte wieder einmal Humor in den Wettbewerb. Die in London geborene Schriftstellerin beschreibt ein spießiges Pensionistenpaar. Herr Gröttrup ist ein klassischer Patriarch, der seiner Frau genau vorschreibt, wie lange sie sein Frühstücksei zu kochen hat. Und mitten in diese Idylle platzt ein siebeneinhalb Minuten lang gekochtes Ei, das nicht hart ist und ihn anspritzt, als er es köpft. Denn das Ei ist nicht einfach nur ein Ei, sondern beherbergt ein Bewusstsein, das als Ich-Erzähler auftritt. Es hat diese Form der Verstofflichung gewählt, dabei aber nicht damit gerechnet, gekocht zu werden. Um dem alten Kontrollfreak eins auszuwischen, beschloss das Ei, nicht hart zu werden. Das Bewusstsein schlüpfte immer wieder in stoffliche Dinge wie etwa einen roten Teppich oder auch einen Lippenstift, wobei es sich ausgerechnet um einen Lippenstift von Frau Gröttrup handelte. Ziel des Bewusstseins ist es aber eigentlich, geboren zu werden.

Winkels gefiel die Geschichte und ihre überraschende Wendung, besonders daran seien die extremen Wechsel von Langsamkeit und Geschwindigkeit. Kastberger konstatierte „Swing und Drive“, Satire, Witz und Ironie müsse nicht erst hineininterpretiert werden. Keller fand die Wendung, dass das Ich als Ei spricht, verblüffend und gelungen. Gmünder fand vieles an dem Text „sehr, sehr gut“. Steiner ortete in den Gröttrups zwei Demente, die sich „sehr subtil kaputtmachen“. Feßmann fand es interessant, dass die Geschichte als Karikatur beginne und zu einer Parabel werde, hatte aber auch Einschränkungen. Sandra Kegel, die Otoo nominiert hat, fand es sehr spannend, dass eine britische Autorin einen Blick auf Deutschland werfe, sie arbeite mit Querverweisen, Humor und Ironie.

~ WEB http://orf.at ~ APA097 2016-07-02/12:09


Kommentieren