„Gott sei Dank bekam ich Krebs“
Alex Jürgen ist intersexuell – also weder Frau noch Mann. Sein Versuch, als Frau zu leben, endete in Selbsthass. Heute kämpft er für die Anerkennung eines dritten Geschlechts.
Von Judith Sam
Linz –Als Alex geboren wurde, hatten die Eltern eine Woche Zeit zu entscheiden, ob das Kind ein Mädchen oder ein Junge ist. Eindeutige Geschlechtsmerkmale suchte man bei dem Baby nämlich vergebens. „Die Ärzte rieten ihnen, mich als Alexandra großzuziehen“, erklärt Alex Jürgen 39 Jahre später. Heute steht in seinem Pass „männlich“, die Stimme hingegen klingt weiblich: „Die richtige Bezeichnung ist ,intersex‘.“
Das Schicksal des Oberösterreichers ist kein Einzelfall: „In Österreich kommen jährlich um die 25 Kinder zur Welt, die bei der Geburt weder weiblich noch männlich sind.“ Der weit größere Teil der Betroffenen erfährt von seiner Intersexualität jedoch erst im Laufe des Lebens: „Bei der Geburt sieht man etwa nicht, wenn das Kind Penis und Gebärmutter hat. Zu Tage kommt das erst, wenn z. B. die Regel ausbleibt oder Frauen ein Bart wächst.“ Wie viele Menschen betroffen sind, lässt sich laut Jürgen nicht sagen: „Nur drei Leute in ganz Österreich stehen zu ihrer Intersexualität.“
Jürgens Leidensweg begann unmittelbar nach seiner Geburt – psychisch wie physisch. Die Mediziner hatten seinen Eltern nahegelegt, sich ihm nie nackt zu zeigen oder mit ihm über sein Geschlecht zu sprechen. Stattdessen galt es, ihn strikt als Mädchen zu erziehen und sein Anderssein zu verschweigen.
„Als ich sechs war, wurde mein schwach ausgebildeter Penis operativ entfernt. Die Erklärung meiner Eltern war, es wäre eine Art sechster Finger, der falsch angewachsen sei.“ Vier Jahre später folgten die im Körper liegenden Hoden: „Mit dem Argument, es sei ,Schleim in meinem Bauch, der mich krank macht‘.“
Die ständigen Klinikaufenthalte irritierten Jürgen: „Sobald ich meine Eltern darauf ansprach, wurden sie panisch und lenkten ab. Wirklich eskaliert ist die Situation, als ich zwölf war.“ Nach dem Aufklärungsunterricht in der Bio-Stunde betrachtete sich Jürgen vorm Spiegel, fand allerdings an sich nicht das, was die Unterlagen vorgaben: „Nach langem Drängen erklärte mir meine Mutter endlich, was los war. Ein Drama. Nicht zuletzt, weil ich stets das Wort ,Zwitter‘ im Kopf hatte – ein Schimpfwort in unserer Gesellschaft.“
Darum zwängte Jürgen sich in die Rolle des Mädchens – schminkte sich und ging mit Jungen aus: „Mit 14 folgte eine Hormontherapie, mit 16 eine Vaginalplastik.“ Trotzdem fühlte sich der ausgebildete „Einzelhandelskaufmensch“ – wie er genannt werden will – nie wohl: „Dabei habe ich als Frau gut ausgesehen – trotz Schuhgröße 45. Ich habe aber weniger verdient als später als Mann.“
Der Druck der Rollenerwartung lastete so schwer auf Jürgen, dass er in Selbsthass verfiel, sich absichtlich verletzte und Drogen nahm: „Dann bekam ich Gott sei Dank Krebs! Ohne Leukämie wäre ich heute nicht mehr am Leben, weil ich Selbstmord begangen hätte.“
Nach einer Knochenmarkstransplantation fiel der Neumarkter für 13 Wochen ins Koma: „Ich war in dieser Zeit wach, konnte das meinem Umfeld aber nicht mitteilen, weil ich bewegungsunfähig war. Darum hatte ich viel Zeit nachzudenken.“
So kam er zum Schluss, dass jede Krankheit eine Aussage habe und der Krebs die Folge seines Selbsthasses sei: „Seit der Krankheit bezeichne ich mich als Mensch. Ich bin heute übrigens offiziell nur deshalb ein Mann, weil das die einzige Möglichkeit war, meine Brüste entfernen zu lassen. Ich will nämlich geschlechtslos sein. Darum empfinde ich den Zwang, ein Geschlecht zu wählen, als diskriminierend.“
Derzeit kämpft Jürgen, der wegen der körperlichen Schäden der Krebserkrankung frühpensioniert ist, dafür, dass im Geburtenbuch die Geschlechterbestimmung „X“ zugelassen wird: „So würde der Zwang wegfallen, sich für ein bestimmtes Geschlecht entscheiden zu müssen. Dessen Folgen sind nämlich weitreichender, als man denkt.“ Ein Freund des 39-Jährigen musste sich etwa auf einem US-Flughafen einer Ganzkörperuntersuchung unterziehen lassen, weil er laut Pass weiblich, laut Scannerbild jedoch männlich war.
Jürgens Anliegen, ein drittes Geschlecht anzuerkennen, wird demnächst vom Landesverwaltungsgericht OÖ bearbeitet werden: „Es wäre aber schon ein großer Schritt, wenn es nach amerikanischem Vorbild auch hier Unisex-Toiletten gäbe. Ich wurde nämlich schon oft aus Toiletten geworfen, weil die Leute mich für das jeweils andere Geschlecht hielten.“
Kommentare