„Die Welt ist aus den Fugen“

„Entschleunigung“ in einem Sommer, der „kein gewöhnlicher“ ist: Susanne Schnabl, Moderatorin der ORF-Sommergespräche, über Druck, Quote und Begleitmusik.

© ORF

Mit Hans Bürger sind die Sommergespräche vergangenes Jahr zum klassischen Interview-Format zurückgekehrt. Wie wird es heuer?

Susanne Schnabl: Es ist kein gewöhnlicher Sommer, in dem die Sommergespräche dieses Mal stattfinden, die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein: Man denk­e an Nizza oder die Türkei, wir haben einen neuen Bundes­kanzler, im Herbst wird im dritten Anlauf ein neuer Bundespräsident gewählt, es gibt Herausforderungen Sonderzahl. Aufgrund dieser Schlagzeilendichte haben wir gesagt, wir setzen auf Entschleunigung, also wird es ein klassisches Interview ohn­e große Ablenkung. Es wird auch Einspieler geben, aber da wird es um die Sache gehen. Kurzum, es wird um die wichtigen, großen Fragen gehen, die in ihrer Dringlichkeit derzeit vor uns liegen, von der Integration bis zur EU nach dem Brexit, von der Sicherheitslage bis hin wie wir in Zukunft leben werden, sollen und wollen.

Vergangenes Jahr haben die Sommergespräche die bislang besten Quoten eingefahren, Bürger wurde aber als zu milde kritisiert. Wie werden Sie das Ganze an­legen, mehr innenpolitisches Hochamt oder Untersuchungsausschuss?

Schnabl: Am besten am Montag einschalten und sich überraschen lassen. Ich habe jedenfalls nicht vor, in den Sommergesprächen eine andere zu werden, als ich es im „Report" bin.

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Bei den „Report"-Interviews konnten Sie mit guter Vorbereitung punkten, die Interviews waren mit acht Minuten vergleichsweise kurz ...

Schnabl: Die Vorbereitung ist natürlich ausgedehnter, weil es eben nicht um ein Thema punktuell geht, sondern um mehrere Themen. Die Vorbereitung, die wir im Team machen, ist natürlich sehr zeitintensiv.

Wie nervös machen Sie die Sommergespräche? Das Sommer-Ritual geht heuer in sein 35. Jahr. Sie sind nur ein Jahr älter, sind also damit groß geworden.

Schnabl: Die Begleitmusik, die Aufmerksamkeit ist natürlich sehr groß, das macht die Aufgabe nicht unbeschwerter, aber ansonsten ist das ein Inter­view, und auf das versuche ich mich bestmöglich vorzubereiten.

Weil Sie die Begleitmusik ansprechen: Wie wichtig sind für Sie in Ihrer Arbeit die sozialen Medien?

Schnabl: Es gibt Vor- und Nachteile. Vorteil ist, dass es ein toller Austausch ist, es gibt mehrere Perspektiven, die man für ein Thema entdecken kann, es gibt mehrere Meinungen dazu, auf Facebook oder Twitter stößt man auf Artikel oder andere Meinungen. Der Nachteil ist natürlich, dass die Aufgeregtheit in den sozialen Medien schon eine sehr besondere ist, das geht bis zur Hysterie. Shitstorms oder Diffamierungen, wo es dann ins rechtlich Relevante abgleitet, sind bestimmt ein Nachteil.

Ihre Kollegin Ingrid Thurnher ist mit drei weiteren Kolleginnen vor einem Monat gegen Hasspostings und sexualisierte Gewaltandrohungen aufgestanden. Was sind Ihre Erfahrungen beim „Report"?

Schnabl: Jede Frau, die in der Öffentlichkeit steht, ist dem ausgesetzt, mittlerweile auch wir Journalistinnen. Da muss man natürlich eine Strategie finden. Ich finde es wichtig, dass darüber nachgedacht wird, welche rechtlichen Konsequenzen das haben kann. Wie man das Bewusstsein dafür schärfen könnte, dass es zwar ein virtueller Raum ist, aber kein sanktionsloser Raum. Man muss Grenzen aufzeigen. Meinungsfreiheit ist eines unserer höchsten Güter, gerade wenn man jetzt in die Türkei schaut. Aber es kann nicht sein, dass man in den sozialen Netzwerken Leute diffamiert und seinem Hass freien Lauf lässt.

Die Skepsis gegenüber klassischen Medien hat zugenommen. Was ist Ihre Antwort darauf?

Schnabl: Ich bin bei dieser Skepsis skeptisch. Grundsätzlich finde ich es super zu hinter­fragen, man sollte alles im Leben hinterfragen. Auf der anderen Seite frag­e ich mich schon, woher das kommt — auch das Wort Lügen­presse. Ich nehme an, dass das mitunter politisch motiviert ist. Wie passt das damit zusammen, dass wir mehr Zuschauer denn je erreichen? Irgendwo gibt das kein stimmiges Bild. Wir haben bei den ORF-Informationssendungen einen Quotenzuwachs, nicht nur beim „Report", die Zuschauer sind mündig. Wenn unsere Arbeit auf Propaganda und nicht auf Fakten aufgebaut wäre und die Qualität nicht passen würde, wäre das nicht so.

Wie Sie sagen, hat der „Report" an Quote zugelegt. Weckt das politische Begehrlichkeiten? Wie schaut es mit Interventionen aus?

Schnabl: Ich bin jetzt seit drei Jahren beim „Report" und da gibt es in dem Sinn keine Zurufe oder politische Interventionen, unser Sendungsverantwortlicher Robert Wiesner sorgt dafür, dass es kein Einfallstor gibt. Wenn es keines gibt, dann wird das auch nicht probiert. Bei uns ist das kein Thema. Was davor war, kann ich nicht beurteilen, so frei wie jetzt war's bestimmt noch nie.

Die ORF-Wahl fällt in die Zeit der Sommer­gespräche. Spüren Sie da einen gewisse­n Druck?

Schnabl: Nein, auch wenn das viele nicht glauben wollen. Wir arbeiten frei in unserem Team, wir legen die Themen fest, schauen, wo wir nachfragen. Bis dato hat es noch keinen einzigen Zwischenruf gegeben und wir gehen davon aus, dass das so bleibt.

Die Gespräche starten am Montag mit Frank Stronac­h. Eine besondere Herausforderung?

Schnabl: Ich lass' mich überraschen.

Das Gespräch führte Silvana Resch


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