„Wiener-Dog“: Ein Meer aus Traurigkeit

In seinem neuen Film „Wiener-Dog“ erweckt Todd Solondz die Helden früher Filme zu neuem Leben und gönnt ihnen einen Hoffnungsschimmer des Glücks.

© Thimfilm

Von Peter Angerer

Innsbruck –Nach seinem Abschlussfilm an der New Yorker Filmschule erhielt Todd Solondz das Angebot eines großen Hollywood-Studios für drei Filme, über die er wie einst Orson Welles die komplette Kontrolle behalten sollte. Doch bereits mit dem Titel seines ersten, 1989 gedrehten Films verriet er, wie er die Welt sah: „Fear, Anxiety, and Depression.“ Daher dauerte es sechs Jahre bis zu seinem zweiten Film. In „Willkommen im Tollhaus“ erzählte Solondz 1995 von der pubertierenden Dawn Wiener, die von Mitschülern und der eigenen Familie gequält wird, die unter ihrer Brille und dem Spitznamen „Wiener-Dog“ – für Dackel – leidet und sich mit masochistischer Lust der – auch sexuellen – Gewalttätigkeit ihres Mitschülers Brandon unterwirft. „Willkommen im Tollhaus“ wurde beim Sundance-Filmfestival als Meisterwerk gefeiert, doch den kommerziellen Durchbruch verhinderten einmal mehr Furcht und Depression.

Todd Solondz weigerte sich beharrlich, seine in einer düsteren Welt verlorenen Helden mit einem Hoffnungsschimmer zu entlassen. Während seine Mitstreiter Kevin Smith oder Darren Aronofsky aus dem Pool der frühen Independent-Szene die Hollywood-Lektion schnell verinnerlichten und das große Kino eroberten, blieb Solondz kompromisslos und musste sich dafür bei jedem seiner bisher sieben gedrehten Filme mit kargem Budget begnügen. Sogar sein Geniestreich „Happiness“ (1998) konnte seine Situation nicht verbessern.

Was Demütigung und Erniedrigung mit einem Menschen anstellen können, zeigt Solondz in seinem neuen Film „Wiener-Dog“ am Beispiel des Drebuchautors Dave­ Schmerz (Danny DeVito). Sein einziger Erfolg liegt 20 Jahre zurück, seither lehrt er an einer Filmschule, deren Studenten die Filmgeschichte verachten. Das Blatt könnte sich vielleicht demnächst wenden, da sein neues Skript bei Dreamworks liegt. Schmerz wollte mit seiner Arbeit „der Welt etwas Schönes schenken“, hat sich im Lauf der Jahre aber von der Reinheit und eigenen Ansprüchen entfernt. Ihm bleibt nur noch, seinem Dackel einen Sprengstoffgürtel umzuhängen.

Diese Terrorgeschichte ist allerdings nur eine Episode der bizarren Tierfabel über einen Dackel, der die Welt mit ihren seltsamen Bewohnern erkundet. In der ersten Episode versucht die aus Frankreich stammende Dina (Julie Delpy) ihren kleinen Sohn mit einer Horrorvision von der Notwendigkeit zu überzeugen, die aus dem Tierheim geholte Dackelhündin kastrieren zu lassen. Ihre geliebte Hündin, erzählt sie, wurde einst vom berüchtigten Streuner Mohammed vergewaltigt und starb bei der Geburt der Welpen. Das leuchtet dem Kind ein, das nach dem kleinen Eingriff den Dackel mit Süßigkeiten verwöhnt. Wegen der veränderten Darmtätigkeit bringen die Eltern den Hund in die Tierarztpraxis zum Einschläfern. Überraschenderweise arbeitet dort Dawn Wiener (Greta Gerwig), die neben der Brille auch ihr großes Herz im Erwachsenenalter behalten hat. Sie rettet dem Dackel das Leben. Damit gibt es bereits zwei Überlebende, die vor einer Tierhandlung auf den herumlungernden Brandon (Kieran Culkin) stoßen. Der Crystal-Meth-Fan kann sich zwar nicht mehr an den Namen der einstigen Mitschülerin erinnern, nicht einmal „Wiener-Dog“ hilft ihm auf die Sprünge, dennoch springen sie in einen alten VW-Bus, um in Ohio die Orte der Vergangenheit aufzusuchen. Nachträglich wird klar, dass Brandon auch angesichts seines familiären Hintergrunds – ein trinkender Vater, ein Bruder mit Down-Syndrom – das einzige freundliche Wesen war. Im Bus ist noch Platz für drei mexikanische Autostopper, die es in das gelobte Land geschafft haben. Doch für sie ist Amerika nur „wie ein großer, dicker Elefant, der in einem Meer aus Traurigkeit ertrinkt.“ Der Hund nimmt das stoisch zur Kenntnis, da er noch ganz andere Pakete schultern muss. Seine letzte Besitzerin nennt ihn Cancer (Krebs). Nana (Ellen Burstyn) ist eine alte Frau, die an allen Kreuzungen ihres Lebens falsch abgebogen ist. Diese Möglichkeit des Glücks hat es so bei Solondz noch nicht gegeben.

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