Wiener SOS-Kinderdorf sucht Gastfamilien für jugendliche Flüchtlinge

Wien (APA) - Das SOS-Kinderdorf Wien betreut seit dem Einsetzen der Flüchtlingswelle im Vorjahr circa 50 unbegleitete minderjährige Asylwerb...

Wien (APA) - Das SOS-Kinderdorf Wien betreut seit dem Einsetzen der Flüchtlingswelle im Vorjahr circa 50 unbegleitete minderjährige Asylwerber. Für diese werden nun Gastfamilien gesucht. Dafür bewerben kann sich laut SOS-Kinderdorf-Wien-Leiter Erwin Rossmann grundsätzlich jeder, es gibt allerdings einige Voraussetzungen.

Interessierte müssen finanziell unabhängig sein, über einen einwandfreien Leumund sowie einen adäquaten Wohnraum verfügen. Der Hauptwohnsitz hat in Wien zu liegen. Die jugendlichen Flüchtlinge, für die das Kinderdorf Familien sucht, sind zwischen 14 und 18 Jahre alt. Sie sind größtenteils männlich und stammen aus Staaten wie Syrien, Afghanistan oder Somalia. Neben einer finanziellen gibt es auch pädagogische Unterstützung - denn es bedarf wohl einer besonderes einfühlsamen Betreuung.

Derzeit sind die Jugendlichen in drei betreuten Wohngruppen des SOS-Kinderdorfes untergebracht. Diese befinden sich in Hietzing, Meidling sowie in Döbling. Dort wird ihnen bei der Bewältigung des Alltags bzw. beim Einleben in Österreich geholfen. Die Gastfamilien werden nun gesucht, da die Jugendlichen „nicht nur ein Dach über den Kopf, sondern individuelle Betreuung und Zuwendung“ bräuchten, wie das Kinderdorf in der Ausschreibung begründete.

„Die Wahrnehmung, die wir haben, ist: Die Kinder sind aufgrund der Erfahrungen, die sie auf den Weg nach Österreich gemacht haben, extrem traumatisiert“, erzählte Wiens Kinderdorf-Leiter Rossmann der APA. Die Traumatisierungen würden sich erst langsam, mit Verzögerung zeigen, wenn sich die Jugendlichen in ihrem Umfeld sicher fühlten: „Wenn sie kommen, geht es zunächst um das Thema Grundbedürfnisse. Im Laufe der Zeit bemerken wir eine relative hohe Gewaltbereitschaft bei vielen Jugendlichen - aber da ist auch das Trauma im Hintergrund.“

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Noch keine schwerwiegenden Probleme habe es hingegen in Sachen Radikalisierung gegeben, unterstrich Rossmann. „Wir merken eher das Thema Gewalt, Gewaltbereitschaft und Impulsdurchbrüche, aber Radikalisierung ist noch nicht Thema. Und wenn es auftaucht, werden wir natürlich die entsprechenden Möglichkeiten, die es gibt, nutzen, um darauf antworten geben.“

Auf die APA-Nachfrage, ob denn diese auch unbemerkt geschehen könnte - wie dies scheinbar bei dem jugendlichen Zugattentäter von Würzburg in Deutschland der Fall gewesen ist - antwortete der Kinderdorf-Leiter: „Es kann wirklich so überraschend passieren.“ Der einzige Kontakt der Jugendlichen in ihre Heimat erfolge nun einmal über Internet und internetfähige Handys. Das Internet sei wichtig, allerdings hätten die jungen Asylwerber dadurch auch Zugang zu radikalem Gedankengut.

Das könne auch überraschende Konsequenzen haben: „Ein Jugendlicher hat intensiv im Internet gepostet. Da sind wir auch mit der Staatspolizei konfrontiert gewesen, die dem nachgegangen ist. Da wird schon entsprechend reagiert darauf.“ Im Moment sei der Bursche allerdings abgetaucht und verschwunden. Ein anderer Jugendlicher deklarierte unterdessen, gegen den IS kämpfen zu wollen: „Zuerst haben wir lange geglaubt, er will mit dem IS kämpfen. Jetzt sind wir mit dem Dolmetscher draufgekommen, dass er gegen den IS kämpfen möchte.“

In so einer Situation könnten Pädagogen zwar dem Buben viel Einfühlungsvermögen entgegenbringen oder ihm auch die Perspektiven in Österreich vor Augen halten, aber: „Wenn ein Jugendlicher mit allen Mitteln zurück möchte, dann kann man es letztlich nicht verhindern“, so Rossmann.

(S E R V I C E - Nähere Informationen zu den Voraussetzungen für Gastfamilien, die jugendliche Flüchtlinge aufnahmen wollen: http://www.sos-kinderdorf.at/gastfamilien)


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