Doku “Seefeuer“: Katastrophen mit Zuschauern
Für seinen Dokumentarfilm „Seefeuer“ gewann Gianfranco Rosi den Goldenen Bären.
Innsbruck –Anders als in Jakob Brossmanns „Lampedusa im Winter“ sieht die Mittelmeerinsel in Gianfranco Rosis Berlinale-Siegerfilm „Seefeuer“ beinahe unbewohnt aus. Die Plätze, Straßen und Gassen sind menschenleer, die Konflikte zwischen Insel und Festland, Verwaltung und Bewohnern bleiben ausgespart. Die Kamera folgt dem 12-jährigen Samuele, Sohn eines Fischers, bei seinen Streifzügen auf der Suche nach Abenteuern. Mit einer Schleuder schießt er Grimassen in Kakteen, eröffnet die Jagd auf Vögel. Ausflüge auf dem Boot bekommen ihm weniger gut, außerdem hat er Probleme mit den Augen. Mutter und Großmutter bestellen beim lokalen Radiosender musikalische Grüße – wie den Schlager „Fuocoammare“ – für die Männer, die auf ihren Schiffen die Nacht auf dem Meer verbringen.
Pietro Bartolo ist der einzige Arzt auf der Insel. Er muss die etwa 5000 Bewohner von Lampedusa betreuen, ist aber auch für alle auf die Insel ankommenden Flüchtlinge zuständig. In der Schlüsselszene zeigt er auf dem Bildschirm seines Computers, wie das Geschäft mit Flüchtenden für die Schlepper funktioniert. Für etwa 1500 Euro ist die Luxusklasse auf dem Deck der längst ausrangierten Schiffe zu haben, etwas weniger bezahlen die Schutzsuchenden für unsichere Plätze und immer noch 1000 Euro kosten Plätze unter Deck, wo Kinder, Frauen und Männer zusammengepfercht eingesperrt werden und im Fall des Kenterns keine Fluchtmöglichkeit oder Überlebenschance haben. Dazu kommt noch, dass die Menschen in Diesellacken liegen und stehen müssen, was schwere Verätzungen und Verbrennungen zur Folge hat. Nach dieser Einführung begleitet Gianfranco Rosi mit seiner Kamera ein italienisches Marineschiff auf einer Rettungsaktion. Dehydrierte und verätzte Menschen werden neben 40 Leichen von Männern in Schutzanzügen aus dem Schiffsbauch gezogen. Es sind unerträgliche Bilder, die durch Bartolos Schnellkurs im Kopf mit Zahlen unterlegt werden. Allein bei dieser beinahe zum Alltag gewordenen Katastrophe haben die Händler des Todes eine halbe Million Euro verdient. In einer Halle wird für die Geflüchteten aus Nordafrika ein Gebetsraum eingerichtet.
Samuele, inzwischen ein furchtloser Brillenträger, verzichtet auf die Vogeljagd und richtet seinen Arm, spielerisch zu einem Gewehr fantasiert, auf größere Ziele und Monster. Mehr als Hilf- und Ratlosigkeit kann Gianfranco Rosi in seinem Dokumentarfilm nicht anbieten. (p. a.)
Kommentare