Krieg der Teilzeitkämpfer - Milizen vor Sieg über IS in Libyen

Sirte (APA/dpa) - Vorbei an Autowracks von Selbstmordattentätern führt eine Wüstenstraße in die libysche IS-Hochburg Sirte. Hier kämpfen Pri...

Sirte (APA/dpa) - Vorbei an Autowracks von Selbstmordattentätern führt eine Wüstenstraße in die libysche IS-Hochburg Sirte. Hier kämpfen Privatmänner erfolgreich gegen Jihadisten. Der Sieg ist nah. Doch was danach geschieht, dürfte das Krisenland erneut auf die Probe stellen.

Mohammed Ghasri schaut nach links, stutzt und gibt Anweisung, das Auto zu stoppen. Er hat seinen Sohn im Kampfgewirr entdeckt. Der Militärsprecher steigt aus seinem gepanzerten Geländewagen. Ein Kuss links. Ein Kuss rechts. 2.500 Meter hinter ihm steht das belagerte Konferenzzentrum von Sirte. Das Hauptquartier der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in Libyen.

Es ist ein Ort der rastlosen Anspannung. Der Unsicherheit und der Furcht. Hier, an einer halb zerschossenen Mauer, endet die Zivilisation. Dahinter beginnt die fanatische Gewaltherrschaft einer Terrorgruppe, so gefürchtet wie keine andere auf der Welt.

Kämpfer - von den Soldaten einer Armee kann keine Rede sein - ducken sich hinter der Wand. Als könnte sie Schutz bieten vor dem Abgrund, der sich auf der anderen Seite auftut. Die Sonne brennt fast senkrecht auf ihre Köpfe. Doch die Sommerhitze Nordafrikas, die trockene Luft, die den Wüstensand in Nasenlöcher und Kehlen treibt, ist hier an der Westfront von Sirte das geringste Problem.

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Es sind die heftigsten Kämpfe seit Wochen. Schüsse fallen. Dumpfe Schläge abgefeuerter Mörser erschüttern den Boden und wirbeln staubige Schleier durch die Gassen der Pick-Ups und Jeeps. Auf einer sandigen Heckscheibe hat jemand mit dem Finger auf Arabisch „el mansour“ (siegreich) geschrieben.

Der Triumph scheint nah. Doch die Scharfschützen des IS lauern immer noch. In einer Kerbe, die ein Projektil in die Mauer gerissen hat, steckt ein Fernglas. Es ist auf das Konferenzzentrum gerichtet. „Wir gehen jetzt rein“, sagt Ghasris Sohn. Der junge Mann nestelt an seinem Camouflagehelm. Eine kurze Verabschiedung vom Vater. Er geht.

„Sie kommen zu spät. Der Kampf gegen den IS ist vorbei“, hatte der Militärsprecher die Reporter am Tag zuvor noch begrüßt, dabei den Kopf leicht geneigt über seine Brille schauend wie ein strenger Lehrer. Ein Scherz, eine Übertreibung - aber nicht ganz unbegründet.

Berlin, Paris, London und Washington. Alle waren sie vor einigen Wochen noch in Sorge, ja gar in Aufregung, angesichts der schnellen Ausbreitung des IS in Libyen. Ohne massive Luftschläge westlicher Militärmächte würde niemand den Vormarsch aufhalten können. Das nahe Handelszentrum Misrata könnte fallen. Danach die Hauptstadt Tripolis. So schien es.

Dann machten die Milizen von Misrata ernst. An der Überlandstraße nach Sirte, wo vor kurzem noch der IS herrschte, umweht heute Wüstensand ausgebrannte Autowracks. Die Wagen waren randvoll mit Sprengstoff, als die Selbstmordattentäter der Terrormiliz den Zünder drückten. Die gewaltigen Explosionen töteten viele vorrückende Kämpfer. Doch die Milizen der Operation Banyan Marsous (Bunjan Marsus) drängten die Extremisten zurück bis nach Sirte.

Einen solchen Gegner habe er noch nie gehabt, sagt ein Milizen-Führer leise. Er sitzt im Hinterzimmer eines verrauchten Cafes und zieht an seiner Shisha, die dunklen Augen sitzen tief in seinem ernsten Gesicht. „Wir kämpfen gegen Personen, die sterben wollen. Das macht sie unmenschlich.“

Doch einige von ihnen werden versuchen, dem Tod zu entgehen und sich unter die Zivilisten zu mischen. Ein Video aus einem eroberten Haus zeigt eilig abrasierte, dunkle Jihadisten-Bärte. Schläferzellen gibt es im gesamten Land. Misrata fürchtet ihre blutige Vergeltung.

Die Schlacht gegen die internationale Terrorgruppe wird offiziell von der UNO-vermittelten Einheitsregierung geleitet, die das gespaltene Land einen soll. Am Boden jedoch rücken Teilzeitkämpfer Dutzender Milizen vor. Ein bunter Haufen. Einige tragen sandfarbene Tarnkleidung, andere T-Shirt und Jeans. Einige haben Helme, andere berichten von jungen Männern, die unbewaffnet in den Kampf ziehen wollten.

Es scheint so, als habe fast jede Familie in Misrata einen Sohn an der Front. Zwischendurch kommen sie nach Hause. Aus dem Krieg zurück ins zivile Leben. Der Kommandant einer Miliz hat keine Zeit für ein Interview. Er sitzt nicht etwa im Kampfgebiet fest. Er wurde auch nicht verwundet. Er muss für eine Prüfung lernen.

Währenddessen rasen im Westen von Sirte Rettungsautos mit Blaulicht durch die Außenbezirke. Der Zugang zum improvisierten Feldlazarett ist mit Sandwällen geschützt. Eine Traube Helfer nimmt Ambulanzen in Empfang, die im Minutentakt vorfahren. Sanitäter rufen durcheinander.

Männer tragen einen Kämpfer mit freiem Oberkörper. Er zeigt keine Regung, an seinem Nacken klafft eine Wunde. Ein Sanitäter spült mit einem Gartenschlauch den Innenraum eines Rettungswagens aus. Schaumig-rötliche Lauge sickert in den Wüstenboden.

Der Tod ist an diesem Tag allgegenwärtig. Mehr als 20 Leichen werden später in einem Kühllaster nach Misrata gebracht. Insgesamt kamen seit Mai Hunderte Anti-IS-Kämpfer ums Leben. Die Zahl der Verwundeten könnte bald die Tausend übersteigen. Besonders schwere Fälle werden nach Tunesien und in die Türkei ausgeflogen.

In der Operation spielten amerikanische und britische Spezialkräfte „von Anfang an eine große Rolle“, sagt Ghasri. Es seien zehn Personen und eine Drohne, die den Gegner ausspähten und ihre Erkenntnisse an die Kommandozentrale der Operation weitergeben.

Ein Sieg über den IS wäre ein großer Erfolg für die Einheitsregierung in Tripolis. Doch wenn Banyan Marsous endet, hat das Bündnis sein Ziel erreicht. Ohne das Wohlwollen der Milizen ist die Regierung nahezu machtlos. In Misrata sprechen einige verhalten höflich, andere spöttisch und offen feindselig über ihre angebliche Untätigkeit. Und das zentrale Ziel der neuen Führung, die Einigung des Ost- und des Westteils Libyens sowie die Ablösung ihrer Regierungen, es bleibt fern.

Es war das Chaos, die Rivalität, die ein Machtvakuum schuf und den IS in Libyen erst groß machte. „Iss ihn zu Mittag, bevor er dich zum Abendessen verspeist“, sagen sie in Libyen heute. Töte die Dschihadisten, bevor sie dich töten. Die IS-Mahlzeit hat das Land sich auch selbst eingebrockt. Bezahlt haben es Hunderte der Teilzeitkämpfer mit ihrem Leben.


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