Salzburger Festspiele: „Die Schöpfung“ als samtig-weiche Ouvertüre

Salzburg (APA) - Am Beginn steht „Die Schöpfung“. Bereits zum fünften Mal startet die Ouvertüre spirituelle - eine den Salzburger Festspiele...

Salzburg (APA) - Am Beginn steht „Die Schöpfung“. Bereits zum fünften Mal startet die Ouvertüre spirituelle - eine den Salzburger Festspielen vorangestellte Woche mit geistlicher Musik - mit dem großen Oratorium von Joseph Haydn. Diesmal waren das Chamber Orchestra of Europe und der Chor des Bayerischen Rundfunks unter Yannick Nezet-Seguin für den Festivalauftakt Freitagabend im großen Festspielhaus zuständig.

Ein schönes Symbol, dieses europäische Spitzenorchester in europäischen Krisenzeiten mit der „Schöpfung“ an den Festspielstart zu schicken. Und während es in München Tote zu beklagen gab, sang der Bayerische Rundfunk Chor in Salzburg von der Entstehung der Welt.

Und das großartig. Zusammen mit den hervorragenden Solisten Hanna-Elisabeth Müller, Werner Güra und Gerald Finley gaben die Musiker Haydns Spätwerk aus der Londoner Zeit als organisch-kompakten, groß und flächig angelegten Klangkosmos. Schönklang und edle Eleganz, dabei detailgenaue, sensible Sprache von Sängern und Instrumentalisten waren das Herzstück dieser Deutung, für die alle Beteiligten zu Recht vom Premierenpublikum mit Standing Ovations belohnt wurden.

Nikolaus Harnoncourt in den ersten beiden Jahren und Marc Minkowski im Vorjahr haben mit ihren Originalklang-Ensembles Haydns Musik und Gottfried van Swietens Text mit manchmal kratzigen, tendenziell schroffen, extrem leise gehauchten oder wild zupackenden Klangkonzepten zu Eindringlichkeit verholfen. Nezet-Seguin hingegen knüpfte an Bernard Haitink (2014) an und setzte auf moderne Instrumente.

Die Tempi wirkten stets natürlich und harmonisch aufeinander abgestimmt. Der Gesamtklang war samtig und weich, und trotzdem wirkte diese „Schöpfung“ nie schwammig oder bloß hübsch, obwohl die große Besetzung und der eigentlich zu große Raum ein wenig in diese Richtung wiesen. Aber der Dirigent sorgte für eine Vielzahl von präzisen, höchst lebendigen Abstufungen der Dynamik in Chor und Orchester, und die Solisten vermittelten die Texte klare und weitgehend wortverständlich. Damit entschädigte diese Wiedergabe für einen gewissen Mangel an Intimität. Dennoch: Eine richtig gute „Schöpfung“ am Beginn der Salzburger Festspiele 2016.

(S E R V I C E - „Die Schöpfung“, Oratorium von Joseph Haydn aus dem Jahr 1798 nach einem Text von Gottfried van Swieten. Auf der Bühne im Großen Festspielhaus: Das Chamber Orchestra of Europe, der Chor des Bayerischen Rundfunks und Dirigent Yannick Nezet-Seguin. Die Solisten: Hanna-Elisabeth Müller, Sopran, Werner Güra, Tenor und Gerald Finley, Bariton.)


Kommentieren