Priester in Kirche getötet: Zweites Opfer außer Lebensgefahr

Zwei Angreifer waren am Dienstagvormittag in die Kirche in Saint-Étienne-du-Rouvray in der Normandie eingedrungen und hatten fünf Geiseln genommen. Sie töteten den Priester, ein weiteres Opfer ist mittlerweiße außer Lebensgefahr.

Sondereinsatzkräfte der Polizei erschossen die Geiselnehmer, als diese die Kirche verließen.
© APA/AFP/CHARLY TRIBALLEAU

Paris – Keine zwei Wochen nach dem Blutbad von Nizza hat ein tödlicher Anschlag auf eine Kirche Frankreich aufs Neue erschüttert. Zwei Angreifer drangen am Dienstagvormittag in eine katholische Kirche in der Nähe von Rouen ein und nahmen fünf Geiseln. Sie töteten einen Priester und verletzten einen weiteren Menschen schwer. Die Terrormiliz IS (Daesh) beanspruchte die Tat für sich.

Der Kirchturm von Saint-Étienne-du-Rouvray im Hintergrund.
© APA/AFP/MATTHIEU ALEXANDRE

Das zweite Opfer der beiden Täter ist mittlerweile außer Lebensgefahr, erklärte die Polizei am späten Dienstagebend. Das 86-jährige Gemeindemitglied sei mit einer Stichwaffe am Hals verletzt worden, sagte der Pariser Staatsanwalt Francois Molins.

Die beiden von der Polizei erschossenen Angreifer seien „Soldaten des IS“ gewesen, erklärte die IS-nahe Agentur Amaq kurz nach der Attacke. Auch der französische Präsident Francois Hollande erklärte, die beiden Männer, die von der Polizei erschossen wurden, hätten sich auf den IS berufen.

Die Anti-Terror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft übernahm die Ermittlungen. In welcher Form sich die Täter zum IS bekannt haben oder in welcher Verbindung sie zu der Terrororganisation standen, gaben die Behörden zunächst nicht bekannt. Am Nachmittag nahm die französische Polizei einen Mann fest, machte aber zunächst weder Angaben zur Identität des Mannes noch zum Grund der Festnahme.

TT-ePaper gratis testen und 20 x € 100,- Einkaufsgutscheine gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch

Frankreichs Präsident Hollande und Innenminister Cazeneuve traten gemeinsam mit dem Bürgermeister von Saint-Étienne-du-Rouvray vor die Kameras.
© APA/AFP/CHARLY TRIBALLEAU

Ein Täter mit Fußfessel unterwegs

Einer der beiden Angreifer war erst 19 Jahre alt. Der bei der Geiselnahme von der Polizei erschossene Adel K. sei im März 1997 in Mont-Saint-Aignan nahe der Stadt Rouen geboren worden, sagte der Pariser Staatsanwalt Francois Molins am Dienstagabend. Der zweite Angreifer wurde bisher nicht formell identifiziert.

Molins bestätigte vorherige Ermittlerangaben, wonach K. im vergangenen Jahr zwei Mal versuchte, nach Syrien zu reisen. Er wurde beide Male vorher festgenommen, das erste Mal in Deutschland, beim zweiten Versuch in der Türkei. Bei seiner Rückkehr nach Frankreich wurde daraufhin ein Anklageverfahren eröffnet und Untersuchungshaft angeordnet.

Höchste Sicherheitsvorkehrungen vor dem Rathaus von Saint-Étienne-du-Rouvray.
© APA/AFP/CHARLY TRIBALLEAU

Unter strengen Auflagen kam er jedoch im März diesen Jahres mit einer elektronischen Fußfessel wieder frei. Laut Molins hatte er aber die Erlaubnis, unter der Woche vormittags und am Wochenende nachmittags das Haus zu verlassen. Der von der Polizei erschossene Angreifer wurde anhand seiner Fingerabdrücke eindeutig identifiziert. Die Identifizierung des zweiten mutmaßlichen Terroristen sei noch nicht abgeschlossen, sagte Molins.

Hollande: IS erklärte Frankreich den Krieg

Hollande sagte bei einem Besuch am Tatort in Saint-Etienne-du-Rouvray in der Nähe von Rouen, der IS habe den Krieg erklärt. „Wir werden diesen Krieg mit allen Mitteln führen“, betonte der Staatschef. Erst vergangene Woche hatte das Parlament den nach den Pariser Anschlägen vom 13. November verhängten Ausnahmezustand um weitere sechs Monate verlängert.

Der Bürgermeister des Ortes Saint-Etienne-du-Rouvray lud für Trauerbekundungen ins Rathaus. Er richte sich damit an die Bewohner von Saint-Etienne, aber auch an alle anderen, die sich an die Werte der Republik gebunden fühlten, hieß es in einer Mitteilung. Das Gefühl der Erschütterung reiche über das Gebiet der Stadt hinaus. „Nur wenige Tage nach dem Anschlag von Nizza stürzt es das Land als Gesamtes in tiefen Schmerz.“

„Ich schreie zu Gott“

„Ich schreie zu Gott“, sagte der Erzbischof von Rouen, Dominique Lebrun. Frankreichs Premierminister Manuel Valls verurteilte eine „barbarische Attacke“. „Ganz Frankreich und alle Katholiken sind verletzt worden. Wir stehen zusammen“, schrieb er auf Twitter. Staatschef Hollande versprach den französischen Katholiken seine Unterstützung und setzte für Mittwoch ein Treffen mit den Vertretern der Glaubensgemeinschaften an. „Was diese Terroristen wollen, ist uns zu spalten.“

Papst Franziskus verurteilte die Geiselnahme als „sinnlose Gewalt“. „Der Papst nimmt teil am Schmerz und am Grauen dieser sinnlosen Gewalt und verurteilt jede Form von Hass auf das Schärfste“, erklärte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi.

Kern regt Diskussion über Integration an

Auch die österreichische Regierung zeigte sich betroffen. Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) war „erschüttert über die bestialische Tat“ und übte gleichzeitig Kritik an der Ansicht, der derzeitige Terrorismus in Europa hänge mit der Flüchtlingskrise zusammen. Vielmehr gehe dieser über die „unmittelbare Zuwanderung in Syrien“ hinaus. Seiner Ansicht nach müsste eher „auf der Ebene der Integration eine Diskussion“ gestartet werden, sagte er nach einem Treffen mit dem ungarischen Premier Viktor Orban in Budapest.

Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) erklärte „volle Solidarität mit Frankreich“ und betonte, dass Europa nun „mehr denn je gemeinsam gegen den internationalen Terrorismus kämpfen“ müsse, wie er am Dienstag via Facebook und Twitter mitteilte. Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) sprach von einem „Anschlag auf die Religionsfreiheit und die Bevölkerung, die den katholischen Glauben lebt“.

Frankreich wiederholt Ziel von Anschlägen

Frankreich war in den vergangenen eineinhalb Jahren immer wieder das Ziel schwerer Anschläge. Zuletzt tötete ein 31-jähriger Tunesier 84 Menschen, als er am Nationalfeiertag mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge auf dem Strandboulevard von Nizza raste. Die Polizei erschoss den Mann.

Seit den verheerenden Pariser Anschlägen mit 130 Toten gilt im Land der Ausnahmezustand, in der Hauptstadt patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten. Im Frühjahr 2015 vereitelten die Sicherheitsbehörden nach offiziellen Angaben bereits einen geplanten Anschlag auf eine Kirche. Damals wurde ein 24-jähriger Student verhaftet.

(APA/dpa/AFP)


Schlagworte