Graffiti der Vorzeit erzählen

Innsbrucker Archäologen sind dem Geheimnis von Felsritzungen auf der Spur, mit denen sich Menschen einst auf verschiedenste Art verewigten. In Osttirol wurden bisher fast gleich viele „Botschaften“ wie in Nordtirol entdeckt.

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© Leopold Bstieler

Von Claudia Funder

Lienz, Innsbruck –Felsbilder und -ritzungen, die auf allen Erdteilen und in allen Zeithorizonten zu finden sind, liefern Wissenschaftern ein spannendes Forschungsterrain. Von der vorgeschichtlichen Höhlenmalerei bis zum Graffiti der Neuzeit – Menschen suchten immer schon nach Wegen, sich in Botschaften dauerhaft zu verewigen.

Obwohl es diese Zeichen der Vorzeit auch hierzulande gibt, blieb die Tiroler Landkarte der Felsritzbilder auffallend lange nahezu weiß.

Es ist dem kräftigen Impuls des Instituts für Archäologien der Universität Innsbruck unter der Leitung von Harald Stadler zu verdanken, dass der Blick auf diese gravierten Relikte unserer Vorfahren nun gehörig geschärft wird. Er sensibilisierte Wanderer, Jäger, Bergsteiger und Chronisten für das Thema und bekam bereits wertvolle Rückmeldungen. Entdecktes wird seit zwei Jahren erfasst, vermessen und wissenschaftlich interpretiert. Eine Datenbank soll entstehen, verrät Stadler.

Im Bezirk Lienz stieß man bisher auf besonders viele der in Stein geritzten Zeichen. „Osttirol verfügt fast über die gleiche Anzahl an gefundenen Einzeldarstellungen wie Nordtirol“, berichtet der Archäologe Bert Ilsinger, inzwischen Felsbild-Spezialist des Instituts, über die Entdeckungen. Fündig sei man in St. Veit und St. Jakob im Defereggental, in Schlaiten, in Prägraten und in Kals geworden. Dutzende Felsbildstellen seien im Bezirk Lienz mittlerweile bekannt. Auf drei Steinen in Schlaiten stieß man gar auf nicht weniger als 150 Einzeldarstellungen.

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Gravuren gibt es aber nicht nur auf Felsen im freien Gelände, man fand sie auch auf Steinen eingebaut in Stadeln, in Zäunen und im Fundament von Almhütten.

Der facettenreiche Formenschatz der Darstellungen in Osttirol reicht von Namenskartuschen und Symbolen bis hin zu Tier-, Mensch-, Kreuz- und Jagddarstellungen, zählt der Archäologe Bert Ilsinger auf. Geritzt wurde mit Metall oder Stein.

Es kommt immer wieder vor, dass Altes „ergänzt“ wird. So finde man auch schon einmal die Botschaft „Ich war da“ über mittelalterlichen Ritzungen, erzählt Ilsinger.

Die Kerben der Vergangenheit sind bedroht. Einerseits kann der Einfluss von Umweltbedingungen zur Vernichtung der Felsbilder führen. Buchstäblich gravierende Fehler werden jedoch von Menschenhand gemacht, die die meiste Zerstörung herbeiführt – durch Abbürsten, Reinigen, Nachritzen oder Entfernen von Moos, weiß Ilsinger. „Es kam auch schon vor, dass jemand mit dem Hochdruckreiniger zur Tat schritt“, erinnert er sich an eine besonders gründliche Vorbereitung auf den Besuch des Archäologen.

Ideal wäre es, entdeckte Ritzbilder gar nicht erst zu berühren, sondern ein Foto zu machen – im besten Fall mit Maßstab – und dieses gemeinsam mit den Informationen zum Fundort an das Institut für Archäologien weiterzuleiten. Jede Meldung kann wertvoll sein.

Die Experten erstellen Fotos von den Ritzbildern und entzerren sie. Zum Teil werden 3D-Aufnahmen gefertigt. Anhand der Bilder entstehen Zeichnungen, die Kerbentiefe und Kerbenbreite werden vermessen, die Oberfläche wird beschrieben und das Ritzwerkzeug bestimmt. Die Ritzbilder werden mit anderen bereits dokumentierten Motiven im In- und Ausland verglichen und interpretiert.

Die Archäologen erhoffen sich die Mithilfe der Bevölkerung. Durch weitere Meldungen könnte sich in Zukunft durchaus Spannendes ergeben, das die Geschichte weiterschreiben lässt.

Das Institut für Archäologien der Universität Innsbruck bittet um Meldungen zu Handen Bert Ilsinger (Mail: Ur-Fruehgeschichte@uibk.ac.at).

Publikationen zum Thema „Felsbilder“ seien geplant, ergänzt Harald Stadler.


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