Das Leder ist seine Berufung
Hans Niederkofler gehört einer aussterbenden Spezies an. Trotz Trachten-Boom ist der Brixner als Weiß- und Sämischgerber einer von nur noch ganz wenigen in Tirol, welche diesen Beruf ausüben.
Von Harald Angerer
Brixen i. Th. –Sommer ist Fest-Zeit und damit auch die Hochsaison der Tracht. In den vergangenen Jahren erlebte die Tracht ein Comeback und der Boom hält weiter an. Vor allem die Lederhose – die „Lederne“ – ist gefragt wie nie. „Diesen Trend spüren wir im Geschäft, in der Produktion aber kaum“, schildert Hans Niederkofler. Und er muss es wissen, denn als Weiß- und Sämischgerber stellt er das Rohprodukt für die Hosen her, nämlich das Leder. Und damit ist er einer der Letzten. Nur noch wenige üben das Handwerk aus.
„Unseren Betrieb gibt es nun schon in der vierten Generation, aber ich könnte der letzte Gerber in der Familie sein“, ist Niederkofler etwas wehmütig. Begonnen hat alles mit der Lederproduktion für Schuhe, inzwischen bearbeitet Niederkofler Leder und Felle. Die Felle gehen direkt bei ihm im Geschäft in den Verkauf, das Leder lässt er in einer externen Firma zu Lederhosen verarbeiten, zu richtigen „Hirschledernen“.
Früher sei das Geschäft nur nebenher gelaufen und die Produktion war das eigentliche Kerngeschäft, inzwischen sei das umgekehrt. „Die Maschinen im Betrieb sind zum Teil so alt wie ich“, erzählt Niederkofler beim Rundgang durch die Firma. Nur er und ein Hilfsarbeiter sind in der Produktion tätig. Es sei aber auch immer schwieriger, so einen Betrieb zu führen. So habe man ihm von der Gewerbebehörde in Innsbruck schon mal empfohlen, den Betrieb in ein Museum umzuwandeln. „Das ist natürlich sehr motivierend. In den Hochglanz-Magazinen sehen alle gerne das alte Handwerk, aber in Wirklichkeit will man uns nicht mehr haben“, ärgert sich der Unternehmer.
Bis das Leder und die Felle in den Handel kommen, gibt es einiges zu tun. So müssen erst die Fleischreste von der Haut getrennt werden, dann wird sie gewaschen, vorgegerbt und erst dann erfolgt die eigentliche Gerbung. Beim Fell dauert sie eine Woche, beim Leder sogar bis zu zwei Monate. Dann bekommt das Leder seinen „Schliff“, wie es der Fachmann nennt, es wird noch einmal auf einer Walze behandelt, damit es die angenehme Struktur bekommt. Zum Abschluss wird das Leder noch gefärbt, „aber nur an der Oberfläche, denn das ist das Typische beim Hirschleder“, sagt Niederkofler.
Doch die Arbeit beginnt schon vor der Gerbung, nämlich bei der Auswahl der Häute. „Ich verwende nur Häute aus der Region, also aus Tirol und Salzburg“, sagt Niederkofler, der natürlich in der Lederhose arbeitet. Bei der Auswahl braucht er dann einen scharfen Blick. „An der Haut sieht man, wie es dem Tier im Leben ergangen ist“, erklärt Niederkofler, auch ist es wichtig, dass beim Abziehen die Haut nicht verletzt wird. Die Rohware sei für den Erst-Verarbeiter, wie zum Beispiel die Metzger und Jäger, wenig wert. „Wir sind Resteverwerter, wegen uns Gerbern muss kein Tier sterben. Die Häute stammen aus der Fleischproduktion“, betont Niederkofler.
Auch wenn er sich die Rohware genau ansieht, ganz ohne Spuren gibt es kein heimisches Hirschleder. „Auf dem Leder sieht man das Leben des Hirsches, wie zum Beispiel Narben, die er sich an Bäumen geholt hat. Das muss man dann beim Verkauf der Hose erklären“, schildert der Gerber. Aber genau das mache auch den Charme einer richtigen Lederhose aus.
Aber nicht nur die Haut von Hirschen wird verarbeitet, auch von Gämsen, Ziegen und Füchsen. Den größten Teil machen aber Schafe aus. „Schaffelle gehen immer, auch über die Jahre ist das konstant geblieben. Momentan sind sie gerade wieder auf Skihütten als Sitzunterlagen sehr gefragt. Aber auch für Babys werden sie immer gerne genommen“, erklärt er, während er über eines seiner Felle streicht, das gerade noch gebürstet wurde, bevor es in den Verkauf geht. Ein spezielles Stück Handarbeit, welches es nicht mehr ewig geben wird.
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