Tibeterin klagt an: Buddhismus-Lehrer wurde 2015 in der Haft ermordet

Wien (APA) - Die Tibeterin Nyima Lhamo bereist in persönlicher Mission Europa. Sie wolle der Außenwelt klarmachen, dass ihr Onkel, der bekan...

Wien (APA) - Die Tibeterin Nyima Lhamo bereist in persönlicher Mission Europa. Sie wolle der Außenwelt klarmachen, dass ihr Onkel, der bekannte tibetische Buddhismus-Lehrer Tenzin Delek Rinpoche, im Vorjahr unschuldig in chinesischer Haft getötet wurde, sagte sie am Wochenende in Wien. Unter der Beschuldigung, in ein Attentat verwickelt gewesen zu sein, war er 13 Jahre in Chengdu inhaftiert.

Die junge Frau flüchtete am 24. Juli dieses Jahres nach Indien, um, wie sie sagt, das Vermächtnis des Rinpoche zu erfüllen. Ihr Onkel, der als Buddhismus-Lehrer in Osttibet großes Ansehen genoss, hatte sich besonders für die Nomaden eingesetzt. Nach den Ereignissen in Chengdu 2003 wurde Tenzin Delek zum Tode verurteilt, auf internationalen Druck wurde das Urteil in lebenslange Haft umgewandelt. Nachrichten über Folter gelangten an die Öffentlichkeit. „Er hat kein chinesisches Gesetz verletzt“, betont Nyima Lhamo.

Sie schildert die mysteriösen Umstände um den Tod des Rinpoche. Wenige Tage zuvor waren dessen enge Angehörige von den chinesischen Gefängnisbehörden nach Chengdu gerufen worden. Dort wurde ihnen jedoch ein Treffen mit Tenzin Delek verweigert. Der Rinpoche werde „medizinisch behandelt“, hieß es. Zehn Tage später erhielten die verzweifelten, wartenden Familienmitglieder, unter ihnen die Schwester Dolkar und deren Tochter Nyima, die Nachricht, er sei gestorben.

Die Verwandten durften den Toten nur kurz sehen. Kurz zuvor waren einige Mönche und Nonnen vorgelassen worden, um den Leichnam vorzubereiten. Der Rinpoche „hatte schwarze Lippen und schwarze Nägel“, schilderte Nyima Lhamo unter Tränen. Daraus schließt die Familie auf einen Giftmord. Gleich darauf wurde Tenzin Delek - entgegen der Tradition der Bestattung nach 15 Tagen - verbrannt. Die Asche wurde der Familie nicht übergeben. Eine Erklärung zur Todesursache gab es nicht, die Angaben zum Zeitpunkt des Todes waren widersprüchlich. Auch Parlamentarier aus den USA und der EU forderten von Peking vergeblich eine Erklärung.

In einer offiziellen Verlautbarung wurde das Volk nach den Worten der Nichte aufgefordert, keine Trauerfeiern zu veranstalten mit der Begründung: „Der Rinpoche war ein falscher Lama.“ Auch die Errichtung einer Stupa sei verboten worden. „Sie wollten seinen Ruf ruinieren“, so Nyima. „Er engagierte sich im Bildungswesen und für die Umwelt, doch überhaupt nicht in der Politik.“ Nach dem Tod des Rinpoche wurden einige Familienangehörige, darunter Nyima und ihre Mutter, eine Zeit lang festgehalten unter der Beschuldigung, die offizielle Version der Behörden anzuzweifeln.

Vor kurzem ist Nyima Lhamo aus Tibet geflüchtet. Sie ließ ihre Mutter und ihre kleine Tochter dort zurück. „Mein Onkel durfte in all den Jahren nur sechs Mal Familienbesuch empfangen.“ Der Rinpoche habe an die Angehörigen appelliert, die Welt von seiner Unschuld zu überzeugen. „Das war der Grund für meine Flucht.“ Jetzt lebt sie im indischen Dharmsala, wo auch der geistliche Führer der Tibeter, der Dalai Lama, residiert. Die Frau macht aber klar, dass sie keine politischen Fragen beantworten werde. „Ich habe keine politische Mission.“


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