Marcel Beyer: “Appelle haben sich überlebt“

Im November wird Marcel Beyer mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Ein Gespräch über Sätze, die warten müssen, stotternden Sprachinstinkt und das Dekor-Dasein der Künste.

Marcel Beyer war zuletzt beim Haller Literaturfestival Sprachsalz in Tirol zu Gast.
© Andreas Rottensteiner / TT

Zum Büchner-Preis gehört auch die im besten Fall programmatische Büchner-Preis-Rede. Wissen Sie schon, was Sie sagen werden?

Marcel Beyer: Ich mache mir darüber Gedanken, seit ich vom Preis weiß. Aber ich habe noch nichts geschrieben. Ich kenne meinen Schreibprozess — weiß, dass sich ein Text sehr weit vom ursprünglichen Gedanken wegbewegen kann.

Ihr Werk ist vielfältig: Romane, Libretti für Enno Poppe, Gedichte, aber auch Aufsätze und Essays. Fordert das verschiedene Arbeitsweisen?

Beyer: Bei unterschiedlichen Textsorten bin ich natürlich auf Unterschiedliches aus. Aber beim Schreibvorgang gibt es doch große Ähnlichkeiten: Das Gefüge von spontaner Notiz und strukturierter Arbeit hat sich gefunden. Ein Gedicht mag mit einem Einfall beginnen, aber auf einem Einfall kann man sich nicht ausruhen. Und ein Roman fügt sich aus vielen Dingen zusammen: Ich setz' mich nicht hin und sage: „So, jetzt wird der Held geboren." Es sind Notizen, inzwischen zumeist digitale, die einen Text auf den Weg bringen. Manchmal stehen diese Sätze jahrelang in einem ganz anderen Zusammenhang, bis sie Gedicht werden.

Untersucht man Ihre Texte auf einende Motive, landet man schnell bei Tieren.

Beyer: Ich bin Sprach- und Schriftmensch. Ein Leben ohne Sprache wäre mir unvorstellbar, sie ist eine Bedingung meiner Existenz. Tiere hingegen sind Wesen, die prima ohne das auskommen. Wa­rum hat der Mensch also diese Komplexität entwickelt? Dieses Bedürfnis, Vergangenes in die Gegenwart einzubinden und davon ausgehend in die Zukunft zu blicken? Und obwohl der Tierwelt die Sprache in unserem Sinne fehlt, kommuniziert sie andauernd und ganz direkt mit uns. Tiere ermöglichen es mir also, in meinen Texten etwas auftreten zu lassen, das für eine völlig andere Welt steht, die aber in unserer Welt existent ist.

Die Büchner-Preis-Jury hob in ihrer Begründung Ihr Bestreben, die deutsche Vergangenheit zu vergegenwärtigen, hervor.

Beyer: Das ist natürlich Jurorendeutsch, aber ich meine schon, dass jeder Text, der entsteht, vor einem bestimmten sprachhistorischen Hintergrund entsteht — und dieser Hintergrund auch präsent ist, wenn er nicht Thema ist.

Man kriegt die Vergangenheit der Sprache nicht aus den Worten raus.

Beyer: Genau. Das zeigt sich in Deutschland gerade bei der AfD und allem was da dranhängt. Formeln mit den Worten Heimat oder Volk, die noch vor 20 Jahren eindeutiges Signal einer Positionierung als Rechtsaußen waren, werden nun von der Presse ohne Anführungszeichen in die Mitte geholt. Da wird völkischer Jargon salonfähig gemacht. Und manche Autoren, die die Kraft der Sprache kennen sollten, machen mit: Mit Worten wie „linksversifft" liefert der Katzenkrimiautor Akif Pirinçci das Vokabular für AfD-Politiker. Angesichts dessen kann man als Schriftsteller natürlich sagen, ich bleib' in meiner Stube fernab der Welt. Auch in den 1930er-Jahren gab es die „innere Emigration" — aber auch ein Naturgedicht von 1938 verweist auf seinen historischen Hintergrund.

Was bedeutet diese sprachliche Aufrüstung des Alltags für die Literatur?

Beyer: Es ist ein gesamtgesellschaftlicher Komplex: Im politischen Kontext sind die Künste inzwischen das, was man früher abfällig das „Damenprogramm" nannte: Wir haben am Samstag frei, also ab ins Konzert. Ein Dekor-Dasein, aus dem Künstler durch Appelle ausbrechen wollen. Durch in furchtbar verwässerter Politsprache abgefasste offene Briefe: „Wir verurteilen ...", wie in den Siebzigerjahren. Appelle haben sich überlebt. Es wird beharrlich betont, dass sich die Welt verändert hat, aber die Strategien des Widerstands bleiben unverändert.

Was wäre eine Alternative?

Beyer: Eigentlich sollten die noch wählbaren Parteien Geld in die Hand nehmen und die krassesten Slammer und kryptischsten Lyriker einladen, gemeinsam das AfD-Programm sprachlich auseinanderzunehmen — um wirkliche Lehren daraus zu ziehen. Aber Politiker setzen lieber auf ihren eigenen Sprachinstinkt: SPD-Chef Sigmar Gabriel hat kürzlich rechte Krawallmacher in Heidenau als „Pack" bezeichnet — und geglaubt, er strafe sie damit ab. Die haben daraufhin „Wir sind das Pack" gebrüllt. Die althergebrachten Sprachstrategien greifen da nicht mehr.

Sie sind 1995 nach Dresden in der ehemaligen DDR gezogen. Warum?

Beyer: Ich wollte verstehen, was dort wirklich passierte und der euphorische Stereotypenscheiß im Fernsehen nicht zeigt: Wie lebt der Ex-Stasi-Mann mit seinem Nachbarn, der auf den Ausreisebescheid wartete, jetzt zusammen? Nun, man geht in die gleiche Kneipe, aber was passiert da? Diesen kleinen und großen Reibungen wollte ich mich aussetzen, sie erfahren. Im Westen blieben die sozialen Milieus unberührt von der „Wende". Im Osten hat sich nach 1989 tatsächlich etwas verändert, aber es gab auch Kontinuitäten. Das alles wollte ich — etwas blauäugig — miterleben. Mit allen negativen Begleiterscheinungen: die Perspektivlosigkeit und Wut vieler Menschen zum Beispiel, die sich bei Pegida und jetzt als Protestwähler entluden. Der schlaueste Schachzug von Pegida übrigens war es, ihre „Abendspaziergänge" schweigend abzuhalten: Da ging Stasi-Mensch neben Nazi-Mensch und keiner von beiden kam auf die Idee, dass sie gar nicht derselben Meinung sein könnten.

Das Gespräch führte Joachim Leitner


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