Drogenkriminalität: Justiz setzt auf „Therapie statt Strafe“

Wien (APA) - 673 nach dem Suchtmittelgesetz (SMG) verurteilten Straftätern ist im vergangenen Jahr die über sie verhängte Haftstrafe nach de...

Wien (APA) - 673 nach dem Suchtmittelgesetz (SMG) verurteilten Straftätern ist im vergangenen Jahr die über sie verhängte Haftstrafe nach dem Motto „Therapie statt Strafe“ aufgeschoben worden. Aus Sicht des Justizministeriums eine sinnvolle Maßnahme. Es habe einen positiven Effekt auf die Wiederverurteilungsrate, wenn sich Straftäter einer Therapie unterziehen, so Ressortmediensprecherin Britta Tichy-Martin.

„Ein Ziel unserer Gesellschaft muss es sein, dass Täter künftig keine weiteren Straftaten begehen. Wenn jemand suchtfrei ist, ist die Prognose für ein deliktfreies Leben in der Zukunft sicher besser“, sagte Tichy-Martin im Gespräch mit der APA.

Andreas Zembaty vom Verein Neustart, der Bewährungs- und Resozialisierungshilfe für Straffällige anbietet, ist allerdings der Meinung, dass die Maßnahme noch optimiert gehört. Jeder Straftäter, der sich einer Therapie unterzieht, sollte Unterstützung durch einen Bewährungshelfer bekommen. Geht es nach dem Experten, braucht es außerdem eine bessere Kommunikation zwischen Therapeuten und Gericht. Ein Bewährungshelfer könnte dabei als Vermittler fungieren. „Ein Therapieabbruch oder eine Unterbrechung ist bei einer Suchtkrankheit keine Ausnahme, sondern leider die Regel beziehungsweise ein Teil des Prozesses“, sagte Zembaty gegenüber der APA.

Ein Passus im Gesetz sieht vor, dass Straftätern, die nach dem SMG verurteilt werden, ihre Strafe aufzuschieben ist, wenn sie sich bereit erklären, sich einer Therapie zu unterziehen, um von ihrer Drogensucht loszukommen. Voraussetzung: die verhängte Freiheitsstrafe darf drei Jahre nicht übersteigen. Ein Teil der Therapie von bis zu sechs Monaten muss unter stationären Bedingungen stattfinden.

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Derzeit sei es laut Zembaty so, dass Straftäter die Therapie in einer drogentherapeutischen Einrichtung und ohne Bewährungshelfer absolvieren. Therapeuten würden einen Abbruch der Behandlung oft erst Wochen später dem Gericht melden. „In dieser Zeit passieren oft Krisen, und Krisen können Delikte verursachen. Das Risiko dafür ist sehr hoch. Mit einem Bewährungshelfer wäre das Kontaktnetz dichter“, sagte Zembaty.

Eine Studie aus dem Jahr 2010 hat sich den Wiederverurteilungsraten von nach dem SMG Verurteilten gewidmet. Dabei wurden Straftäter, denen die Haft nach einer absolvierten Therapie erlassen wurde, und Verurteilte, die eine unbedingte Haftstrafe verbüßten, verglichen. In der ersten Gruppe wurden 65 Prozent nicht mehr rückfällig, bei jenen, die keine Therapie bewilligt bekamen, 54 Prozent.

„Das Ergebnis der Studie ist, dass das Konzept ‚Therapie statt Strafe‘ grundsätzlich wirkt und dass die Aufwendungen der Justiz für die gesundheitsbedingten Strafen einen positiven Effekt auf die Wiederverurteilungsraten und damit langfristig auf die Haftzahlen haben“, betonte Tichy-Martin. „Man kann von einer günstigeren Prognose ausgehen, wenn man mit der Therapie erreicht, dass Straftäter suchtfrei werden.“

Den Vorwurf, dass sich Straftäter mit dieser Maßnahme aus der Haft mogeln könnten, hält Tichy-Martin für nicht berechtigt: „Ein generelles Entziehen aus der Haft ist durch diese Maßnahme nicht möglich, weil wenn es um gefährliche Täter geht, sieht das Gesetz vor, dass der Aufschub nicht möglich ist.“ Wenn ein Straftäter nämlich wegen eines Beschaffungsdeliktes zu einer Freiheitsstrafe von mehr als 18 Monaten verurteilt wurde und der Betreffende als gefährlich gilt, ist der Strafaufschub ausgeschlossen. Das bedeutet, wenn die Straftat mit erheblicher Gewalt gegen Personen begangen wurde, ist eine „Therapie statt Strafe“ nicht möglich.

Absolviert ein Verurteilter die Therapie erfolgreich, wird seine ursprünglich unbedingt verhängte Freiheitsstrafe unter Setzung einer Probezeit nachträglich in eine bedingte Freiheitsstrafe umgewandelt. Begeht der Täter in dieser Zeit keine Straftaten, wird die Strafe endgültig nachgesehen und der Verurteilte muss nicht ins Gefängnis. Ein Aufschub ist auch noch nach Übernahme in den Strafvollzug möglich. Dies war im Vorjahr bei 257 Straftätern der Fall.

Unterzieht sich der Verurteilte nicht der Therapie, zu der er sich bereit erklärt hat, oder bricht er diese ab, ist der Aufschub zu widerrufen und die Freiheitsstrafe zu vollziehen. Dies ist ebenso der Fall, wenn der Betreffende erneut wegen eines Drogendeliktes oder wegen Beschaffungskriminalität verurteilt wird. Dazu braucht es jedoch ein rechtskräftiges Urteil.


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