Eine hilflose Helferin im Kreisel der Erinnerung

In ihrem neuen Roman „Drehtür“ lässt Katja Lange-Müller eine ausgemusterte Anständige eine ernüchternde Lebensbilanz ziehen.

© Heike Steiweg

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Im Juni diesen Jahres erlaubte Katja Lange-Müller bei der im deutschen Sprachraum wohl renommiertesten Poetikvorlesung an der Universität Frankfurt Einblick in ihre Haltung zum Schreiben. Die Arbeit am Text beschrieb sie dabei als Übungen größtmöglicher Konzentration – und verglich ihre Romane und Erzählungen mit „Brühwürfeln“: Die Kunst – so könnte man sagen – liege letztlich darin, alles Material in eine handlich kompakte Form zu verdichten. Mit „Böse Schafe“, 2007 für den Deutschen Buchpreis nominiert, hat Lange-Müller diese Verfahren meisterhaft vorgeführt: Der epische Atem einer großen, glücklosen Liebe, verknüpft mit erdiger Milieustudie – ein Epochenroman auf gerade einmal 200 Seiten. Nicht nur in Zeiten, die das Realgewicht mancher Wälzer mit ihrem literarischen Gewicht verwechseln, ein Geschenk.

Beinahe zehn Jahre haben Leserinnen und Leser auf einen Lange-Müller-Roman warten müssen. Jetzt liegt er vor – und zeigt: Konzentration macht auch vor dem Ort der Handlung nicht halt, denn der ist dieses Mal überschaubar: ein Rauchereck nahe der titelgebenden „Drehtür“ am Münchner Flughafen.

Dort ist Asta – man kennt sie bereits aus dem Erzählband „Die Enten, die Frauen und die Wahrheit“ (2003) – gestrandet. Nach Jahrzehnten als Krankenschwester für Hilfswerke in der ganzen Welt wurde sie, im Alter etwas nachlässig geworden, one-way ins „Vaterland“ zurückgeschickt, „das nicht meines ist, weil es mir ebenso wenig gehört wie die Muttersprache“.

Mit der Tür dreht sich auch die Erzählung: Vorbeihetzende Gesichter – und eine innere Stimme, die auch nicht wirklich weiter weiß – befördern Astas Erinnerung an Episoden aus ihrem Leben, verpatzte Entwürfe und verflossene Liebhaber, Bekannte, die nach Höherem strebten, um in den Elendsvierteln von Kalkutta Ernüchterung zu lernen, Idole, denen die Geschichte den Heldentod im Freiheitskampf schenkt, während andere einfach unbemerkt zusammensacken. Im Zentrum des Kreisels: das Helfen – und, was passiert, wenn jemand, der anderen helfen will, ja – Stichwort Helfersyndrom – muss, feststellt, dass ihm selbst nicht mehr zu helfen ist. Für Asta, nur so viel sei verraten, geht am Flughafen zwischen Aschenbecher, den sie fleißig füllt, und Autovermietung die Flucht vor dieser Frage zu Ende.

Katja Lange-Müller schildert das stille Drama einer ausgemusterten Anständigen in schnoddriger Schonungslosigkeit. Lachen und Leiden, Triumph und Tragödie trennt hier oft nur ein Vokal. Und während mancher Kritiker noch rätselt, ob „Drehtür“ Roman oder gut getarnte Erzählsammlung ist, wirken die Fragen, um die es dem Text tatsächlich geht, noch lange nach.

Roman Katja Lange-Müller: Drehtür. Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 19,60 Euro. Lesung: Mittwoch, 5. Oktober, in der Buchhandlung Wagner’sche. Beginn: 19.30 Uhr.


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