Theaterstück: Wenn der Krieg das Leben zerreißt

Im Lienzer Volkshaus zeigten Asylwerber in einem Theaterstück erlebtes Elend und warum sie in Osttirol Schutz suchen. Anlass war der „Lange Tag der Flucht“, ins Leben gerufen von den Vereinten Nationen.

Die Darsteller des Theaterstückes bedanken sich zu den Klängen der Bundeshymne für ihre Aufnahme in Österreich.
© Blassnig

Lienz — Eine Szene aus einem Theaterstück: Ausgelassene Männer fassen sich an den Händen. Zu lauter Musik tanzen sie im Kreis und stampfen dabei, dass der Boden wackelt. Ein Schuss zerreißt die Luft. Einer von ihnen bricht getroffen zusammen. Die anderen beugen sich entsetzt über ihn, wollen ihn wecke­n. Sie nehmen ihn auf und tragen den leblosen Körper unter Wehklagen auf ihren Schultern davon.

Eine zweite Szene: Drei kleine Mädchen spielen und lachen. Eines singt zu einem Musikstück in ein Mikrofon, die beiden anderen tanzen dazu. Sie sind aufgeweckt und fröhlich. Junge Erwachsene kommen zu ihnen auf die Straße. Auf Plakaten fordern sie Freiheit für sich und die Kinder. Man schlägt mit Stöcken auf sie ein. Sie werden vertrieben, misshandelt oder verschwinden einfach.

Die Szenen stammen aus einem Theaterstück, das am „Langen Tag der Flucht" der Vereinten Nationen im Lienzer Volkshaus gezeigt wurde. Mit diesem Tag wollen die Vereinten Nationen auf weltweite Fluchtbewegungen und die Gründe dafür aufmerksam machen. In Lienz standen Osttiroler Asylwerber dafür auf der Bühne.

Noch eine Episode: In der Schule lernen die Kinder von großen Denkern der Menschheitsgeschichte und von der Französischen Revolution. Die Menschen- und Bürgerrechte der Vereinten Nationen (UN) von heute gehen wesentlich darauf zurück. „Freiheit" ist das entscheidende Wort: Die Menschen wünschen sich nichts anderes mehr, als der allumgebenden Unterdrückung zu entkommen.

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„Nur darum ist es uns in Syrien gegangen: Freiheit", erklärt Majed. Er hat das Theaterstück verfasst und mit anderen Geflohenen inszeniert. „Es war ein Volksaufstand gegen ein ungerechtes Herrschaftssystem — wie die Französische Revolution", sagt er. „Wir wollten Freiheit und haben friedlich dafür demonstriert." Waffengewalt war die Antwort. Zwölf Millionen Menschen sind seither geflohen. Majed selbst war ein junger Polizeioffizier in seinem Heimatland Syrien. Jetzt ist er in Osttirol. Sein Stück zeigt auch die Rekrutierung von Kämpfern: Sie werden gezwungen, Bärte zu tragen und andere zu töten.

Dann berichten vier junge Männer aus dem Iran, Irak, Syrien und Palästina aus ihrem Leben vor und nach der Flucht. Heute seien sie in Sicherheit und sehr dankbar. „Ich habe Arbeit und eine Wohnung gefunden, meine Frau ist nachgekommen. Wir wollen hier leben", berichtete Mohammad, der aus dem von Israel besetzten Palästina kam. Die Sprache zu lernen sei das Wichtigste, meint er. Masoud aus dem Iran sieht den Respekt vor der einheimischen Bevölkerung, ihrer Kultur und ihrem Glauben gleich an zweiter Stelle.

Majed aus Syrien zeigt einen Film: Noch vor wenigen Jahren blühende Städte wie Ugarit, Aleppo, Palmyra oder Damaskus begeisterten ob ihrer Architektur und Geschichte Hunderttausende Touristen aus aller Welt. Heute liegen Kirchen, Bahnhöfe, Museen und Wohnhäuser in Schutt und Asche. Im Bombenhagel sterben Menschen.

Der Saal im Volkshaus war während der Veranstaltung voll. Wie etliche Gemeinderäte aus Lienz war auch Bürgermeisterin Elisabeth Blanik der Einladung gefolgt. „Was man kennt, fürchtet man nicht", sagt Blanik. Kommunikation führe zu Integration. „Für Angst und geschürte aggressive Strömungen ist unsere Region zu schade." Viele solcher Treffen sollten folgen, wünscht sie sich. (bcp)

In einer Szene des Theaterstücks tragen Männer einen Ermordeten auf ihren Schultern.
© Blassnig
Bärte und Gewalt – so werden Zivilisten als Kämpfer zwangsrekrutiert, zeigt eine Szene aus dem Theaterstück.
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Die Besucher der langen Nacht der Flucht im Volkshaus schauten aufmerksam zu.
© Blassnig

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