Hungerkost für eine natürliche Todesursache
Kai Wessel erzählt in seinem bedrückenden Film „Nebel im August“ die Geschichte eines Buben, der 1944 in der Nazi-Psychiatrie ermordet wird.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) hat alle einschlägigen Institutionen der Jugendfürsorge wie Waisenhaus und Erziehungsheim durchlaufen, als er 1940 als „asozialer Psychopath“ in die Heil- und Pflegeanstalt Irsee in Bayern überstellt wird. Der Anstaltsleiter Dr. Walter Veithausen (Sebastian Koch) macht auf den Buben einen freundlichen Eindruck, stellt sogar eine baldige Entlassung in Aussicht, obwohl er wider Ernsts Auskunft über dessen Herkunft statt Jenischer „Zigeuner“ im Krankenblatt notiert.
Mit rasiertem Schädel wird er dem Hausmeister Max Witt (Branko Samarovski) als Helfer zugeteilt. Diese Funktion erlaubt ihm Erkundungen durch das weitläufige, idyllisch gelegene ehemalige Klostergelände. Er durchstreift die Krankensäle – auch hier muss ein Missverständnis bezüglich seiner Anwesenheit vorliegen – und entdeckt das regelmäßige Verschwinden von Patienten in schwarzen Bussen, deren Ziel nur Veithausen kennt. Es sind „Ballastexistenzen“ und „Lebensunwerte“, die der Anstaltsdirektor angeblich gegen seinen Willen auswählen und – Hitlers „Euthanasie-Erlass“ von 1939 folgend – in die Tötungsanstalt Hadamar überführen lassen muss. Bis August 1941, als die Vergasungen von psychisch Kranken und Behinderten wegen ausbrechender Unruhen in der Bevölkerung offiziell eingestellt werden, wurden über 70.000 Menschen in den sechs Nazi-Tötungsanstalten ermordet.
Wenn die Vorgaben aus Berlin Veithausen bedrückt haben sollten, dann motivieren ihn die neuen Befehle. Da „weiter gestorben werden muss“ – aber „eben vor Ort“, sucht Veithausen nach belastbaren „Fachkräften“. Der Pfleger Paul Hechtle (Thomas Schubert) sieht sich trotz der in Aussicht gestellten Bonuszahlung zum Töten nicht in der Lage. Die Klosterschwester Sophia (Fritzi Haberlandt) erstattet sogar ihrem Bischof Bericht, der allerdings nur zu Stillschweigen und weiterer Beobachtung mahnt. Mit Edith Kiefer (Henriette Confurius) kommt aus Hadamar ein Todesengel, der Kindern das Gift im Himbeersaft verabreicht und die Tötungen mit einem rührenden Bambi-Erlebnis als „Erlösung von der Qual“ erklären kann.
In einem Saal experimentiert Veithausen mit Patienten und Gemüse, bis ihm die „Hungerkost“ gelingt, eine Suppe, die die ihm anvertrauten Patienten „verhungern lässt, während sie essen“. Diese Erfindung erntet bei Kollegen und SS Applaus, da sie die Kosten der Tötungsmaschinerie senkt und zugleich eine „natürliche Todesursache“ für den Totenschein liefert. Drei Wochen lang siechen die Opfer dahin und sterben zur Beruhigung der Ärzte an Lungenentzündung. „Sie sind ein Mörder“, sagt Ernst zu Veithausen. Im August 1944 denkt der Psychiater vielleicht schon an unerwünschte Zeugen, die zu beseitigen sind. Aber die Furcht war unbegründet, niemand hätte dem Buben geglaubt.
Walter Veithausen wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, konnte die Strafe wegen Haftunfähigkeit jedoch nie antreten. Nach der Verbüßung einer einjährigen Haftstrafe für die Tötung von 200 Patienten fand Edith Kiefer nach dem Krieg eine Stelle als Kinderkrankenschwester. In vielen psychiatrischen Anstalten wurden zumindest bis 1949 Patienten ermordet. Hungerrezepte und Gifte waren noch vorhanden. Noch Ende der 60er-Jahre wurden Gutachten veröffentlicht, die das Verhalten der Nazi-Psychiatrie zu rechtfertigen suchten. Neben der tragischen kurzen Biografie Ernst Lossas illustriert Kai Wessel in seinem bedrückenden Film „Nebel im August“ vor allem eine Erkenntnis von Ernst Klee: „Die Psychiatrie wurde nicht von den Nazis missbraucht: Sie brauchte die Nazis.“
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