“Sausage Party“

Eine Fast-Food-Fabel über das süße Jenseits

© Sony

In „Sausage Party – Es geht um die Wurst“ zerstören Lebensmittel mit verbaler Anarchie und Fantasie die Klischees der Animationsfilme.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Ameisen reden, Fische reden, Legosteine reden, warum sollen nicht auch Würstchen und Senf ihre Gefühle zeigen?

Im Shopwell‘s Grocery Store beginnt jeder Tag mit der Aufführung eines Broadway-Musicals. Maiskolben begrüßen die allmächtigen Götter, die mit stählernen Streitwagen durch Regalreihen jagen, um nach den Auserwählten zu greifen, die ob der Aussicht auf Ruhm und Unsterblichkeit diesen sonst gefürchteten Tastgriff bejohlen. Frank steckt in einer verschweißten Zehnerpackung mit Frankfurter Würstchen, als Brenda, mit neun anderen Brötchen ebenfalls in Plastik gefangen, seine Aufmerksamkeit erregt. Wimpernschlag und den vertikal angelegten Schmollmund deutet er als erotisches Signal, außerdem winken Fahnen zum 4. Juli. In dieser aufgeheizten Feierstimmung plumpsen Frank und Brenda in einen Einkaufswagen neben abscheuliches Fast Food und Alkohol. Doch die unkonzentrierte Hausfrau, abgelenkt von ihrer engen Stretchhose, scheitert an einem Hindernis. Plastikbeutel platzen, Dosen werden an Regalkanten aufgeschlitzt, schnell verwandelt sich der Konsumtempel in ein von einer Mehlwolke verhülltes Schlachtfeld. Eine Dose versucht wie ein Soldat nach einem Schrapnelltreffer eine hässliche Nudel-Tomaten-Mischung wie Gedärm durch die offene Dosenwunde zurückzuschaufeln. Frank hat keinen Blick für das herzzerreißend komische Bild, da er in diesem Schlamassel seine Geliebte aus den Augen verloren hat. Damit beginnt für Frank eine Odyssee durch den kulinarischen Themenpark des Supermarktes.

Der Initiationsritus bei den Ureinwohnern mit bewusstseinserweiternden Rauchwaren ist der erste Schritt zur Selbstfindung. Um die Ecke lauert Lavash in einem zum Kaftan gewickelten Fladenbrot. Er ist auf der Suche nach den „Extra Virgins“, die für die Reise ins Paradies in der Olivenöl-Abteilung abzuholen sind. Der Wort- und Bildwitz in „Sausage Party“ ist auf US-Supermarktangebote konzentriert. Auf Brenda klebt das Etikett „Glamour Bun“, man muss zwischen Brötchen und Gesäßbacke wählen, tatsächlich ist seit Betty Boop keine Trickfigur mehr so verführerisch durch einen Film gewackelt. Das entzündet auch Teresa Tacos (im Original von Salma Hayek synchronisiert) erotisches Interesse.

Über dem irrwitzigen Treiben liegen allerdings zwei furchtbare Geheimnisse. Das eine wird im heiligen Buch der Küche enthüllt. Das Jenseits ist für die Food-Artisten nicht süß, sondern ein grausames Massaker. Dagegen hilft Betäubung in der Form frivoler Ausschweifungen. Ein ähnliches Orgienmysterientheater war noch nie zu sehen und dürften in US-Kinos auch nur Erwachsene sehen. Hinter dem zweiten Geheimnis verbergen sich die wahren Götter dieser Food-Fabel über Warenwelt, Konsum und freien Willen.

Mit einem Zehntel des Budgets etwa der Disney-Tieranimationsfabel „Findet Dorie“ verfilmten Greg Tiernan und Conrad Vernon – sonst im Madagascar- und Shrek-Universum zu Hause – die Vorlage des Komikers Seth Rogen, dem mit „Sausage Party“ ein Meisterwerk der Verbalanarchie und der ungebändigten Fantasie in der Tradition der Marx Brothers gelungen ist.