Held oder Mörder? Ein Leben in der Hand der Zuschauer

Darf man 164 Menschen töten, um 70.000 zu retten? “Terror“ macht uns den Prozess — und moralischen Druck. Denn am Ende musste das TV-Publikum selbst das Urteil über den Angeklagten fällen. Theater-Besucher gehen mit dem Ergebnis weltweit konform. Mit einer Ausnahme.

Lars Koch hat 164 Menschenleben auf dem Gewissen — und rettete 70.000 weitere. Er ist in den Augen der meisten Zuschauer des Mordes "nicht schuldig".
© ORF/Degeto/Julia Terjung

Von Tamara Stocker

Innsbruck — Ein Mensch, der 164 Menschen tötet, um weiteren 70.000 das Leben zu retten ist kein schuldiger Mörder — zumindest nach Ansicht eines Großteils der ORF-Fernsehzuschauer. 86,9 Prozent sprachen am Montagabend einen angeklagten Luftwaffen-Piloten frei, der genau das getan hatte. Das TV-Herbstevent "Terror - Ihr Urteil" sahen im Schnitt 849.000 Österreicher, die vom Sofa aus über das Ende des Films abstimmen durften. Insgesamt gaben 73.000 "Schöffen" ihre Stimme online bzw. per Telefonvoting ab.

ORF-Mediathek

  • Die Verhandlung, auch mit dem alternativen Urteil - "schuldig" -, kann hier nachgesehen werden.

Die Handlung der Gerichtsfiktion ist brisant und hochaktuell. Terroristen kapern ein Flugzeug mit 164 Passagieren und drohen, den Airbus in die Münchner Allianz Arena stürzen zu lassen. Dort findet gerade ein Fußballspiel vor 70.000 Zuschauern statt. Die Bundeswehr schafft es nicht, das Flugzeug abzudrängen. 25 Kilometer vor dem Ziel trifft Major Lars Koch (Florian David Fitz) eine Entscheidung, die sein Leben verändern soll. Um 20.21 Uhr schießt er die Maschine ab. Er verhindert zwar ein noch größeres Unglück, aber: Die Anklage lautet Mord in 164 Fällen.

Moralischer Zwiespalt

Der Film verzichtet bewusst auf spektakuläre Szenen. Das knapp 90-minütige Drama spielt sich nur im Gerichtssaal ab. Die Zuschauer sollen sich selbst eine Meinung bilden. Die Beteiligten streiten sich um den Wert eines Menschenlebens. Ist es rechtens, das Leben von wenigen gegen das von vielen abzuwägen? Darf man morden, um noch mehr Tote zu verhindern? Das 2005 verabschiedete deutsche Luftsicherheitsgesetz sagt Nein. Kochs Verteidiger Biegler (Lars Eidinger) sagt Ja: "Kein Prinzip der Welt kann wichtiger sein, als 70.000 Menschen zu retten." Für die Staatsanwältin Nelson (Martina Gedeck) darf "die Moral nie über dem Gesetz stehen." Die TV-Zuschauer entschieden sich jedoch "im Zweifel für den Angeklagten". Gemäß dem Urteil wurde die entsprechende Fassung des Filmendes ausgestrahlt, bevor der Fall im Anschluss mittels Diskussionsrunden aufgearbeitet wurde.

Zeitgleich lief der Film auch in Deutschland, Slowenien, Tschechien und der Schweiz. Die 6,88 Millionen ARD-Zuschauer gingen mit der Abstimmung der Österreicher 1:1 konform. Allerdings ärgerten sich viele Deutsche über technische Probleme. So soll die ARD-Website nicht aufrufbar und die Telefonleitung meist besetzt gewesen sein. Auf Twitter äußerten sich einige deswegen spöttisch, andere lobten aber auch die Qualität des Films.

Mehr als 400 Theater-Aufführungen, bald auch in Innsbruck

Bevor die TV-Zuschauer über das Schicksal von Major Lars Koch entschieden, wurde bereits 469 Mal ein "Urteil im Namen des Theatervolkes" gefällt. Seit 2015 wird das Stück "Terror" in Europa aufgeführt und fand seinen Weg auch nach Venezuela und Japan. In Österreich spielte es erstmals im Linzer theater@work und kommt auf bisher 18 Vorstellungen, bei denen das Urteil nur einmal "schuldig" hieß. Am 23. September 2017 feiert "Terror" seine Premiere im Innsbrucker Kellertheater.

Unabhängig vom Rechtssystem des jeweiligen Landes lenkt das Ergebnis in eine eindeutige Richtung. Das weltweite Abstimmungsergebnis liegt bei einem Verhältnis von etwa 60:40 — für "nicht schuldig". Einzige Ausnahme bilden die Japaner: Bei allen vier Aufführungen sprachen die Zuseher den Angeklagten von seiner Schuld nicht frei. Der Autor des Stücks, der frühere Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, begründet dies mit dem "vollkommen anderen Ehrbegriff der Japaner".

Für den Juristen ist der angeklagte Soldat weder Held noch Mörder. Lars Koch habe mit seiner Entscheidung zwar viele Leben gerettet, es gebe "aber nur den tragischen, den schuldigen Helden, nie den glücklichen", sagte von Schirach in einem Interview der "Bild"-Zeitung. "In unserem Fall hieße das: Abschuss und anschließend lebenslänglich ins Gefängnis". Denn in der Realität wäre der Pilot wohl "völlig zu Recht" verurteilt worden.


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