Neue Heimat, neue Familie

Ein Innsbrucker Ehepaar erzählt von den Erfahrungen als Pflegeeltern eines 16-jährigen Iraners.

© Matt Manuel

Von Manuel Matt

Innsbruck – Astrid und Walter Scamoni bezeichnen sich selbst als Teil eines Pilotprojekts. Das seit 35 Jahren verheiratete Ehepaar ist eines von zwei Paaren, die einen Jugendlichen bei sich aufgenommen haben, der allein, ohne Eltern, nach Europa geflüchtet ist. Rund 280 von ihnen leben derzeit in Tirol, zum großen Teil in Einrichtungen der Grundversorgung und der Kinder- und Jugendhilfe.

Der 16-jährige Musa fand bei dem Innsbrucker Ehepaar nicht nur eine Unterkunft, sondern tatsächlich ein Zuhause. Seine Pflegemutter bezeichnet ihn als aufmerksam, fleißig und dankbar. „Für Musa ist nichts selbstverständlich. Wir haben eher kämpfen müssen, ihm Kleidung zu kaufen. Er meint immer, er brauche das nicht, er habe ja alles – eine Hose ist aber doch zu wenig“, sagt die 54-jährige Verkäuferin und Mutter von vier erwachsenen Kindern.

Der junge Mann aus dem Iran, eigentlich aber in Afghanistan geboren, kam Ende Oktober 2015 nach Tirol, seit 1. Juli ist er Mitglied der Familie. Derzeit absolviert er drei Deutschkurse gleichzeitig, die er sich selbst organisiert hat. „Sein oberstes Ziel ist Lernen. Am Anfang gab es nur Deutsch, Deutsch, Deutsch“, meint Walter schmunzelnd. „Die eigenen Kinder musste man zum Lernen motivieren, Musa muss man oft fast davon abhalten“, scherzt der 55-jährige Ingenieur.

Musa selbst fühlt sich bei seiner neuen Familie sichtlich wohl. Generell seien die Menschen in Österreich stets sehr freundlich zu ihm gewesen. Der 16-Jährige ist bemüht, sich den kulturellen Gegebenheiten anzupassen. Besonders positiv empfindet er, dass Frauen sicher, allein und unverschleiert über die Straße gehen können. Das sei zuhause im Iran anders gewesen.

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Die Anfangszeit gestaltete sich unproblematisch, so Astrid, doch gab es auch dunkle Stunden. „Es ist die belastende Vergangenheit, das Schreckliche, das die Kinder erlebt haben. Da fühlt man sich oft hilflos“, meint sie leise. „Wenn Musa erzählt, wie ein Mann vor seinen Augen erschossen wurde – da fehlen einem oft die Worte. Ich bin keine Psychologin, ich weiß nicht, wie man solch ein Trauma aufarbeitet. Ich kann ihn nur ein Stück begleiten“, sagt die Pflegemutter. Grundsätzlich bohre man nicht nach, wenn Musa von seiner Vergangenheit erzählt. „Was von ihm kommt, das soll kommen. Wir hören aufmerksam zu“, zeigt sich das Ehepaar einig.

Eigentlich war damals das jüngste Kind gerade ausgezogen, man träumte von einem Bügel- oder Arbeitszimmer. „Als die Flüchtlingsströme aber Europa zu erreichen begannen, habe ich mich gefragt, was unser Beitrag sein kann.“ Die Idee, einen Minderjährigen bei sich aufzunehmen, kam vom 33-jährigen Sohn, selbst Vater eines Pflegekindes. Anfangs waren Zweifel da. „Ich habe mir gedacht, das geht mir zu nahe, das ist mir zu persönlich“, verrät Walter. Nach gemeinsamen Gesprächen entschloss man sich, einen Informationsabend der Kinder- und Jugendhilfe zu besuchen. Es folgte ein Vorbereitungskurs an acht Samstagen. Ob Bub oder Mädchen, jung oder schon etwas älter, Muslim oder Christ – all das spielte für die Scamonis keine Rolle. „Ich habe mich darauf eingestellt, dass, wenn wir jemanden nehmen, ich ihn behandeln möchte wie mein eigenes Kind“, sagt Walter.

Besonderes Interesse zeigte Musa auch, als Walter eine Krippe sanierte, die er mit elf Jahren selbst gebaut hatte. Der Jugendliche fragte sofort, ob er mitmachen dürfe – nun besuchen beide gemeinsam einen Krippenbaukurs.

„Es ist doch eine verantwortungsvolle Aufgabe“, möchte Walter noch möglichen Interessierten mitgeben, „aber jeder, der ein Herz hat und mit Kindern umgehen kann, ist dafür geeignet.“ Astrid stimmt zu: „Es ist es wert, den Versuch zu wagen, es kommt so viel zurück!“

Am kommenden Freitag findet im Landhaus (1. Stock, Festsaal A101) eine unverbindliche Informationsveranstaltung für potenzielle Pflegeeltern statt. Beginn ist um 16 Uhr, Infos unter www.tirol.gv.at/kinder-jugendhilfe.


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