Auschwitz-Überlebende Kor: „Zu vergeben war die Macht, die mir blieb“

Wien (APA) - Zeitzeugin Eva Mozes Kor, eine der Mengele-Zwillinge von Auschwitz, polarisiert mit ihrem Standpunkt ihren Peinigern zu vergebe...

Wien (APA) - Zeitzeugin Eva Mozes Kor, eine der Mengele-Zwillinge von Auschwitz, polarisiert mit ihrem Standpunkt ihren Peinigern zu vergeben. Dieses Konzept und ihre Lebensgeschichte, beginnend mit der Deportation der damals Zehnjährigen nach Auschwitz, hat sie in ihrem viel beachteten Buch „Die Macht des Vergebens“ niedergeschrieben. „Ich will, dass die Juden den Nazis vergeben“, erklärte Kor im APA-Gespräch.

Zu vergeben war keine Entscheidung, die Kor einfach getroffen hatte. Knapp 50 Jahre nach der Befreiung besuchte Kor den KZ-Arzt Hans Münch, in der Hoffnung etwas über die Experimente zu erfahren, die KZ-Doktor Josef Mengele an ihr vornahm. Bei dem Besuch habe Münch große Reue gezeigt und Kor mit seinem Verhalten überrascht. „Er behandelte mich mit Respekt und war sehr freundlich. Ich erwartete das nicht von einem guten, alten Nazi.“ Kor fühlte sich wohl und lud Münch ein, sie zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zu begleiten und vor Ort ein Dokument über die Existenz der Gaskammern zu unterzeichnen.

Dass Münch sofort einwilligte, überraschte Kor erneut. Sie spürte fortan den Wunsch, Münch zu danken und schrieb schließlich einen Brief, in dem sie ihm vergab. Dabei entdeckte sie „zu vergeben, war die letzte Macht, die ich noch besaß“, wie sie heute sagt. Dass Kor ihrem Peiniger vergab, sorgte bei anderen Holocaust-Opfern für Entsetzen. Kor vergab nicht nur Münch, sondern auch dem SS-Mann Oskar Gröning, dem sie beim Lüneburger Auschwitz-Prozess die Hand reichte. Die Kritik an der Geste war harsch, ließ Kor aber unbeirrt: „Wenn du vergibst, machst du das nicht um dem Täter zu helfen, sondern um dich zu heilen“, verteidigte sich Kor und betonte: „Vergeben ist nicht dasselbe wie Versöhnung“, denn dafür brauche es zwei Menschen.

Als Kor vergab, konnte sie sich von der Belastung der Opferrolle befreien. „Es gibt nichts Gutes daran, Opfer zu sein. Warum sollten Menschen Opfer sein wollen?“, fragte Kor und setzte nach: „Ich verabscheue diese Rolle.“ Opfer-Sein, das bedeute, am Schmerz und Leid festzuhalten und nicht heilen zu können. Kor dagegen habe versucht sich „zu heilen“ und stellte fest, „auch die Welt muss dringend geheilt werden“.

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Generell mache sie das, „was gerade auf der Welt passiert, sehr, sehr traurig“, stellte die 82-Jährige den Bezug zur Gegenwart her. Das Erstarken von rechtsextremen Parteien, Muslime als neues Feindbild und unzählige Konfliktherde stimmen Kor nachdenklich „Was gerade auf der Welt passiert, erinnert mich an 1914. Die Umstände sind jetzt anders, aber sehr beängstigend. Die Welt hat wenig gelernt.“

Mit der Wahl des amerikanischen Präsidenten Donald Trump höre sie nun „viel Gerede, darüber, dass Trump die Menschen an Hitler erinnere“, sagte die Wahl-Amerikanerin. Von solchen Vergleichen hält sie jedoch nicht viel. Vielmehr müsste die Frage im Zentrum stehen, wer in der Geschichte Menschen wie Hitler erstarken ließ. Kor macht dafür die „Politik der Zurückhaltung“ verantwortlich. So wurde Hitler, der 1933 an die Macht kam, erst ab 1942 von den USA gestoppt. Genauso verhalte es sich bei den Jihadistenmiliz „Islamischer Staat“ und Al-Kaida, die laut Kor nur „von wenigen Ländern bekämpft werden“.

Dass die Opfer des IS vorwiegend Muslime sind und als Flüchtlinge aus ihrer Heimat fliehen müssen, lässt Kor nicht kalt. Im Gegenteil, sie versuchte einem syrischen Flüchtling zu helfen und bei seinem Wunsch nach einer Sicherheitszone in Syrien mit Nachrichten auf Twitter zu unterstützen. „Es gäbe all die Flüchtlinge nicht, hätte Amerika eine Sicherheitszone in Syrien eingerichtet“, ist Kor überzeugt.

Was die Vergangenheitsbewältigung betrifft, ist Bestrafung für Kor kein Allheilmittel. Wichtiger sei es, dass Täter zu ihren Gräueltaten stehen und dies verbreiten würden. „Wir müssen uns mehr auf die Fakten konzentrieren“, sagte sie. Dafür sucht Kor den Dialog, auch in Gefängnissen, wo sie auf Vorbehalte stößt. „Ich glaube kein einziges Wort, das du sagst“, sagte eine Gruppe von Gefangenen nach einem Vortrag von Kor. „Wohin sonst soll meine Familie verschwunden sein?“, entgegnete sie. Als die Gefangenen darauf nicht reagierten, sagte Kor schließlich: „Wenn du meiner Geschichte nicht glaubst, dann wünsche ich deiner Familie dasselbe Schicksal, dass meine Familie hatte.“

Die Familie Kor stammt aus Rumänien. Dorthin kehrten Eva Kor und ihre Schwester Miriam nach der Befreiung zurück. Später, als Jugendliche, emigrierte Kor nach Israel und schließlich mit ihrem Mann nach Amerika. Sie könne nicht mehr in Israel leben, erklärte sie: „Ich bin zu alt, um vor den Raketen aus dem Gaza-Streifen wegzulaufen.“ Um den Konflikt in Nahost zu lösen, braucht es laut Kor mutige Palästinenser, aber „in Schulen in arabischen Ländern wird nur Hass gelehrt“, sagte sie.

Kor ist stolz darauf, Jüdin zu sein und damit Anhängerin „der ältesten monotheistischen Religion“. Auch sei sie stolz auf die damit verbundene Kultur und Grundwerte. Freilich wünsche sie sich Frieden in Israel, aber „es brauche zwei Menschen, um Frieden zu stiften, und nur einen um Krieg zu führen“. Und „was würde passieren, wenn die Israelis morgen aufhören sich zu wehren?“, fragte Kor. „Es gäbe kein Israel mehr“, ist sie sich sicher. „Und was wäre, wenn die Palästinenser aufhören Israelis zu töten? Es gäbe Frieden“, ist Kor überzeugt. „Es wäre das Größte, wenn zwei Menschen, die leiden, in Frieden miteinander leben können. Ich muss daran glauben, denn hätte ich keine Hoffnung, könnte ich morgens nicht mehr aufstehen.“

(Das Gespräch führte Claudia Tschabuschnig/APA)

SERVICE - Eva Mozes Kor & Guido Eckert: Die Macht des Vergebens, Red Bull Media House, 236 S., 24 Euro, ISBN 978-3-710-900112


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