,,Arrival“: Eine Geschichte der Welt vom Ende her erzählt

Denis Villeneuves Science-Fiction-Drama „Arrival“ ist ein magisches Kinoerlebnis mit der aufregenden Amy Adams als Retterin der Welt.

© Sony

Von Peter Angerer

Innsbruck –Nachdem James Cook in Australien gelandet war, entdeckte er die umherstreunenden Ureinwohner und seltsame Beuteltiere. Er erkundigte sich bei den Aborigines nach deren Bezeichnung, im Juli 1770 schrieb er in sein Tagebuch „kangooroo“. Der Ureinwohner soll aber „gang-oo-roo“ gesagt haben, das „ich verstehe dich nicht” bedeutet. Colonel Weber (Forest Whitaker) zieht aus dieser Schnurre über Missverständnisse eine andere Lehre, denn die Begegnung mit ihrem Entdecker endete für die Aborigines mit der beinahe vollständigen Ausrottung. Damit diese Geschichte im Unterbewusstsein gespeichert bleibt, lässt der kanadische Regisseur Denis Villeneuve in die bedrohliche Filmmusik zu seinem Science-Fiction-Drama „Arrival“ Didgeridoo-Obertöne hineinweben.

Zwölf Raumschiffe in der Form gigantischer Muscheln schweben – über den Planeten Erde verteilt – einige Meter über Wasser oder festen Boden. Auf die Bedrohung reagieren die Menschen mit Angst, Hamsterkäufen und Plünderungen. Russen und Chinesen erhoffen sich aus den Raumschiffen Hochtechnologie als Beute. Aber mit den über Videowände gelieferten Einspielungen über den Untergang der Zivilisation hat sich das Muster der üblichen Alien-Blockbuster schnell erledigt.

Die Linguistin Louise Banks (Amy Adams), die Farsi, Mandarin und Sanskrit beherrscht und der Armee schon bei heiklen Unternehmen geholfen hat, wird nach Montana geflogen, wo sich die Aliens für den Kontakt mit dem amerikanischen Kontinent positioniert haben. Alle 18 Stunden öffnet sich eine Luke des Raumschiffs für Besucher, die den Zutritt nur in Schutzanzügen wagen. Mit einem einzigen Schnitt und einer Drehung der Kamera verändert Denis Villeneuve unser Sehen und Fühlen und diese Erfahrung von der Magie des Kinos ist im Science-Fiction-Genre wahrscheinlich nur mit jener vergleichbar, die Kinogeher 1968 erstmals mit den Wundern und Erfindungen in Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ machten. Statt der rasenden Fahrt durch die Milchstraße offeriert „Arrival“ als Sensation jedoch die Langsamkeit, denn Aliens und Menschen unterscheiden sich in der Wahrnehmung von Zeit, die im Kino durch Erzählen und Emotionen noch einmal anders wahrgenommen wird. Als Denkmodell liefert das kluge Drehbuch von Eric Heisserer (nach der Kurzgeschichte „The Story of Your Life“ von Ted Chiang) dafür das Palindrom, das die Linguistin zum Namen ihrer Tochter Hannah inspiriert hat, deren Krebstod sie eben betrauert und das sich auch anbietet, die Geschichte der Welt und des Lebens zu erzählen. Gefangen in einem Schmerz, dessen Ursache – vielleicht – in der Zukunft liegt, stellt sich Louise zuerst einmal als „Mensch“ vor. Die beiden Aliens versprühen mit ihren Krakenarmen Tinte zu kryptischen Zeichen. Als Louise das Textsystem endlich entziffern kann, ist es fast schon zu spät.

Begegnungen mit Aliens im Kino dokumentieren immer auch die politischen Verhältnisse zur Entstehungszeit. Bereits 1951 musste ein Außerirdischer in „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ die Menschheit im Kalten-Krieg-Fieber zu Frieden ermahnen. „Arrival“ wird einmal der Film sein, der vom Ende der Obama-Ära erzählt.

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