US-Dramatiker Akhtar: „Bin eine Stimme in einer sinnlosen Debatte“

Wien (APA) - Für „Geächtet“, das morgen, Samstag, am Burgtheater Premiere feiert, erhielt US-Dramatiker Ayad Akhtar den Pulitzer Preis und z...

Wien (APA) - Für „Geächtet“, das morgen, Samstag, am Burgtheater Premiere feiert, erhielt US-Dramatiker Ayad Akhtar den Pulitzer Preis und zählt seitdem zu den meistgespielten Theaterautoren im englischsprachigen Raum. Sein Thema: Religion und Identität. Ein APA-Gespräch über das Märchen des kulturellen Konflikts, über das Scheitern der Aufklärung und über die Unmöglichkeit, über Donald Trump zu schreiben.

APA: In Ihren Werken geht es immer wieder um die Politik der Identität, darum, dass muslimisch zu sein in der US-Gesellschaft zum dominierenden Merkmal wird, egal ob man religiös ist, oder nicht. Man würde annehmen, dass Sie die Wahl Donald Trumps nicht überrascht hat...

Akhtar: Nein, das hat sie nicht. Ich habe schon im Juni gesagt, dass er gewinnen wird. Bei Besuchen in meiner Heimat Wisconsin habe ich eine wirklich tief verwurzelte Unterstützung bemerkt. Aber auch das hat mich nicht überrascht. Ich habe nie an die Fiktion der glücklichen, multikulturellen USA geglaubt. Ich habe es einfach selbst nie so wahrgenommen. Ich halte auch das europäische Argument für Fiktion, dass man jene Migranten akzeptiert, die sich an die europäische Kultur anpassen.

APA: Warum - weil es in Wirklichkeit gar nicht um das Kulturelle geht, sondern um das Soziale?

Akhtar: Richtig. Sich mit etwas umgeben zu wollen, was einem selbst nicht auf den ersten Blick ähnlich ist, erfordert Sicherheit und Bildung. Wir fragen uns: Warum wählen die Leute gegen ihre eigenen ökonomischen Interessen? Weil ihnen von den Populisten ein Märchen von kulturellen Konflikten erzählt wird - und sie glauben es. Das gilt aber sowohl für die, die kulturelle Diversität ablehnen, als auch für die, die sie verteidigen wollen. Gleichzeitig werden die echten Probleme - von der Zerstörung unserer Umwelt bis zur Brutalität der Finanzmärkte - nicht einmal angeschaut.

APA: Aber ihre Werke wie „Geächtet“ funktionieren doch auch genau wegen dieses Märchens...

Akhtar: Ja, leider, meine Arbeit wird immer vor diesem Kontext gelesen werden. Ich bin eine Stimme in einer völlig sinnlosen Debatte (lacht).

APA: Könnte man über Trump schreiben, oder steht er außerhalb eines literarischen Erzählens?

Akhtar: Ja, ich glaube da gibt es kein Narrativ dafür. Es gibt die Faustregel, dass Action etwas ist, das notwendige oder wahrscheinliche Folgen auslöst. Was könnte an Donald Trump notwendig oder wahrscheinlich sein? Das kann man nicht konstruieren. Das erinnert mich eher an die Theorien komplexer Systeme, wo etwas auftaucht, was man per Definition nicht vorhersehen kann. Absolut vorhersehbar und gewiss ist für mich aber das weitere Erstarken der Rechten in der westlichen Welt, und es wäre naiv zu denken, dass es nicht wieder so schlimm werden kann, wie vor 70 Jahren. Faulkner hat das gut ausgedrückt: Die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie reimt sich.

APA: In „Geächtet“ wird eine Dinnerparty der New Yorker Upperclass zum explosiven Konfliktherd globaler Themen. Ich habe gehört, dass Sie die Idee Ihnen nach einer echten Dinner Party gekommen ist...

Akhtar: Das stimmt, alle meine Arbeiten fußen in irgendeiner Weise in der Realität. Natürlich war die Party nicht so extrem, es wurde niemand verletzt. Aber es gab eine Konversation, über den Islam, die Beziehungen der Anwesenden wirklich verändert hat, ein Gespräch mit unwiderruflichen Konsequenzen. Das erschien mir als interessante dramatische Situation. Aber es kamen dann noch einige andere Impulse dazu. Ein Werk entsteht immer dann, wenn sich drei oder vier Ideen treffen.

APA: Warum ist es so schwierig, über den Islam zu sprechen?

Akhtar: Es hat viele Gründe. Einer davon ist, wie der Islam in Europa wahrgenommen wird - als das Andere, als Schatten. Wenn Europäer - und viele Amerikaner - über den Islam sprechen, dann sprechen Sie in Wahrheit über Angst, über Tod. Und jedes Gespräch über den Tod ist schwierig. Deshalb muss - wie in „Geächtet“ - auch niemand besonders religiös sein, um sich in solche Gespräche zu verwickeln. Der ganze Diskurs, wie er in Europa über den Islam geführt wird, ist per se beleidigend für Muslime - und jeder Nicht-Muslim, auch wenn er diesem Diskurs selbst vielleicht kritisch gegenüber steht, manifestiert ihn dennoch im Gespräch. Da gibt es fast kein Entkommen.

APA: Wie haben Sie es selbst erlebt, als Muslim mit andersgläubigen Gleichaltrigen aufzuwachsen?

Akhtar: Es war nicht schwer - denn als religiöser Mensch hat man mit anderen Gläubigen, egal welcher Religion, natürlich viel mehr gemeinsam, als mit anderen. Meine christlichen Freunde gingen auch in die Kirche, sprachen auch über Gott. Und auch wenn wir manchmal andere Wörter benutzten, war uns als Kindern immer klar, dass wir von denselben Dingen sprechen. Die Schwierigkeit kommt, wenn Religion als Identitätsmarker benutzt wird. Das ist ein Prozess der vor etwa 50 Jahren begonnen hat - nicht nur in der islamischen Welt - und der leider immer stärker wird.

APA: Warum passiert das?

Akhtar: Meine Theorie ist, dass es mit dem Scheitern der Aufklärung zu tun hat, dass sich die Aufklärung letztlich als unfähig erwiesen hat, den menschlichen Bedürfnissen substanziell Antwort zu geben. Sie hat uns viel gegeben - Smartphones zum Beispiel, die uns in den Wahnsinn treiben (lacht) - aber sie hat es nicht geschafft, uns Sinn zu geben. Und es scheint so zu sein, dass Menschen nun diesen Sinn auf sehr zerstörerische Art und Weise suchen.

APA: Zurück zum Theater: Sie schreiben für die Bühne, für die Leinwand und dazu noch Romane. Haben Digital Natives einen anderen Zugang zum Theater als frühere Generationen?

Akhtar: Auf jeden Fall, und das ist Herausforderung und Chance zugleich. Die neuen Technologien haben die Aufmerksamkeit des Publikums geschärft - für eine kurze Spanne. Da muss man es verführen, es packen, sonst versinken die Zuschauer sehr schnell in Langeweile. Das Schöne am Theater ist ja gerade für Menschen, die Fiktion hauptsächlich über den Bildschirm konsumieren, dass sie es plötzlich mit echten Menschen in einem realen Raum zu tun haben.

(S E R V I C E - „Geächtet“ von Ayad Akhtar, Regie: Tina Lanik. Mit: Fabian Krüger, Katharina Lorenz, Nicholas Ofczarek, Isabelle Redfern und Christoph Radakovits. Premiere am 26. November, 19.30 Uhr. Weitere Termine am 27. und 30. November, sowie am 1., 10., 13., 21. und 27. Dezember. www.burgtheater.at)


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