Neues Handke-Porträt: Zenübungen eines Dichters

Die deutsche Dokumentarfilmerin Corinna Belz gönnt Peter Handke in ihrem grandiosen Porträt „Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte.“ so manche Fiktion.

© Stadtkino

Von Peter Angerer

Innsbruck –Während Claus Peymann 1966 in Düsseldorf an der Uraufführung von Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ arbeitete, organisierte der junge Autor beim Treffen der Gruppe 47 im amerikanischen Princeton einen skandalträchtigen Auftritt, der die Ära und die Rituale der deutschen Nachkriegsliteratur beendete. Mit sanfter Stimme machte sich Handke über die „Beschreibungsimpotenz“ der älteren Kollegen lustig, konnte aber mit „Die Hornissen“ seinen ersten Roman liefern. 50 Jahre später bedauert er gegenüber der Filmemacherin Corinna Belz „den Stuss“, den er damals von sich gegeben habe. Im Film „Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte.“ ist aber die Fortführung der Selbstinszenierung als erster Popstar der deutschen Literatur in Archivaufnahmen zu sehen.

Von Georg Stefan Troller ließ er sich am Strand beim Herumtollen mit seiner kleinen Tochter filmen. Von Corinna Belz, deren Dokumentarfilm über den Maler Gerhard Richter ihm gefallen hat, lässt sich Handke geradezu verführen. Zum Überwinden seiner „Menschenscheu“ nimmt er die U-Bahn, vom Zugfenster aus wirft er immer wieder einen Blick auf die vorbeiziehenden Stationen seiner Arbeit und seines Lebens. An einem Bahnsteig sieht er Hanna Schygulla in einen Zug steigen, wie sie Wilhelm Meister in „Falsche Bewegung“ (1975) zum ersten Mal gesehen hat.

Innerhalb von Jahren hat Corinna Belz den Autor, Übersetzer und gelegentlichen Filmregisseur mehrmals in seinem Haus in Chaville bei Paris aufgesucht, dort, wo auch die „Niemandsbucht“ liegt und wo in den Wäldern die Steinpilze zu finden sind, wie in „Versuch über den Pilznarren“ (2013) nachzulesen ist. Es sind Pilze, die beim Aufschneiden knirschen und damit mehr hergeben als der Vorgang „des Tuns“, wie Handke sein Schrei­ben nennt.

„Fast eine Zen-Übung“ wird aus dem Versuch, mit Unterstützung der Zähne einen Faden in die Form zu bringen, um ihn durch ein Nadelör zu ziehen. Das anschließende Annähen eines Knopfes ist dann doch zu prosaisch für das Porträt eines Schriftstellers, der sich seit 50 Jahren mit Aufsätzen, Dramen, Drehbüchern, Gedichten, Erzählungen, Reiseberichten, Romanen und Tagebüchern die Welt erwandert und durch das Nadelör der Literatur mit den legendären Blei- und Buntstiften einfädelt. Handkes Tochter Amina stöbert in Wien im Literaturarchiv der Nationalbibliothek in der Polaroidsammlung aus Handkes Vorlass, in der auch ihre „Kindergeschichte“ erzählt wird. Den Vater bedrückt noch immer eine Ohrfeige, die er bereits in der „Kindergeschichte“ gestanden hat. Schlimmer, erzählt Amina am Restauranttisch, habe sie das Verschwinden der Mutter in Erinnerung. „Nun“, sagt Handke bei einem Glas Weißwein, „wollen wir mal keine Fiktion draus machen!“

Welche Vereinbarungen zwischen Corinna Belz und Handke auch immer diesen Film ermöglicht haben, in dem man den Schriftsteller wie im Zeitraffer beim Älterwerden zuschauen kann, bei der Episode über Handkes Einlassungen zur Verteidigung Slobodan Milosevic, die nun wirklich Stuss waren, reißt der Faden der Geschichte, die zur Fiktion umgeformt wird.

Über einem Sofa, auf dem sich Handke gern ausstreckt, lehnt eine Fotografie des Vaters in Wehrmachtsuniform, die ein angestecktes Hakenkreuz schmückt. Handke deutet auf dieses Symbol und sagt, man sehe ja, „wie glücklich er aussieht“. Die Regisseurin, sonst nur selten bemerkbar, besteht auf einen tief betrübten Blick des Soldaten, womit die Ironie des Dichters zusammenbricht: „Das wollte ich eigentlich andeuten!“


Kommentieren


Schlagworte