„Gilmore Girls“-Comeback: Eine Reise mit Höhen und Tiefen

Achtung, Spoiler! Wer es noch nicht durch die sechs Stunden des Netflix-Revivals der „Gilmore Girls“ geschafft hat, sollte nicht weiter lesen.

Rory (Alex Bledel), Luke (Scott Patterson), Emily (Kelly Bishop) und Lorelai (Lauren Graham) in "Gilmore Girls - Ein neues Jahr". Die vier Episoden sind seit 25. November auf Netflix zu sehen.
© Saeed Adyani/Netflix

Von Monika Schramm

Innsbuck – Da sind sie also wieder: Lorelai und Luke, Rory und Logan, Jess und Dean, Miss Patty und Babette, Taylor und Kirk. Seit Freitag sind auf Netflix die – vermutlich – letzten vier Kapitel der „Gilmore Girls“ zu sehen. Die Erwartungen an das Revival der Kult-Serie, die 2007 für viele Fans zu abrupt endete, waren gigantisch. Serien-Schöpferin Amy Sherman-Palladino und ihre Ehemann Daniel Palladino, die an der siebten und letzten Staffel nicht beteiligt waren, versprachen die Geschichte des Mutter-Tochter-Gespanns in den vier 90 Minuten langen Episoden so zu Ende zu erzählen, wie es sich die Autorin und Produzentin schon vor Jahren vorgestellt hatte. Inklusive der ominösen letzten vier Worte, die Sherman-Palladino nach eigener Aussage bereits wusste, als sie an der ersten Staffel arbeitete. Mehr dazu aber erst später.

Neun Jahre sind seit dem Serien-Ende vergangen. Wer hoffte, nach all den Jahren exakt das Stars Hollow und haargenau die Charaktere wiederzusehen, wird nach den sechs Stunden eher enttäuscht sein. Denn auch wenn die fiktive Kleinstadt in Connecticut immer wie unter einer gigantischen Glaskuppel gefangen zu sein schien, ist auch an ihr und ihren Bewohnern die Zeit nicht spurlos vorbei gegangen.

Wie ihre Fans sind auch die Darsteller älter geworden. Erwachsener? Vielleicht. Klüger? Nicht immer. Tiefsinniger? Manchmal. Auch wenn Lorelai noch immer ihre mit Film- und Literaturanspielungen gespickten Wortsalven abfeuert und Rory ihr in nichts nachsteht, ist der Grundton der vier Episoden dunkler geworden. Die heile Zuckerwatte-Welt hat Risse bekommen, nicht nur wegen des Todes von Richard Gilmore – und seinem verstorbenen Darsteller Edward Herrmann, dem die erste Folge gewidmet ist. Wer in Lorelai (Lauren Graham) und Rory (Alex Bledel) Vorbilder gesehen hat, wird im Laufe der neuen Folgen mehr als einmal geschockt.

Was mit Rory geschieht – Spoiler

Rory ist nicht mehr die süße, unbeschwerte, wohlbehütete Schülerin und Yale-Studentin. Ihr Leben ist alles andere als aufgeräumt – beruflich und privat. Als sie am Ende der Serie für eine Online-Zeitung den Wahlkampf von Barack Obama begleitete, schien das der Beginn einer strahlenden Karriere als Journalistin zu sein. Doch neun Jahre später ist davon nichts zu sehen. Sie schlägt sich als freie Journalistin durch, versucht sich an einem Buchprojekt, das im Chaos endet, jettet (mit welchen Geld auch immer) rastlos durch die Welt. Wohnung hat sie keine, ihre Habseligkeiten verteilt sie in Kisten auf die Wohnungen ihrer Freunde und ihrer Mutter. Die junge Frau, die einst für jede Situation eine Pro-und-Contra-Liste hatte, immer vorbereitet war, all ihre Ziele erreicht hat, fühlt sich plötzlich verloren, gescheitert. Emotionen, die sie vorher nicht kannte. Und die sie ins Schlingern bringen.

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Männergespräche gibt’s auch: Jess und Luke im Diner.
© Netflix

Vielleicht auch ein Grund, warum ihr Liebesleben ein einziges Durcheinander ist: Da ist Paul, seit zwei Jahren ihr Freund. Er taucht zu Beginn der „Winter“-Episode kurz auf. Nur, dass wirklich jeder – Lorelai, Luke, Emily – ihn schlicht vergisst. Selbst Rory tut sich schwer – und vergisst einfach, mit ihm Schluss zu machen. Fast schon grausam.

Nicht nur das: Rory geht fremd. So hat sie ihren ersten One-Night-Stand (mit einem Wookie) und dazu die ganze Zeit eine Affäre – mit niemand anderem als Logan Huntzberger (Matt Czuchry). Der superreiche Sonnyboy lebt mittlerweile in London, arbeitet im Familienimperium und ist verlobt. Eine Beziehung ohne Bedingungen – so die Abmachung. Doch wie schon zu Beginn ihrer Liebe in Yale, ist das nicht das, was Rory glücklich macht. Als die Verlobte bei Logan einzieht, zieht Rory die Notbremse. Mit Hilfe von der „Life and Death Brigade“ – also Robert, Colin und Finn inszeniert Logan eine fantastische, verrückte Nacht für sie. Doch am nächsten Morgen nimmt Rory trotzdem tränenreich Abschied von ihren Uni-Freunden – und auch von diesem Abschnitt in ihrem Leben.

Jess (Milo Ventimiglia) taucht genau in dem Moment in Stars Hollow auf, in dem Rory beruflich den Nullpunkt erreicht zu haben scheint. Sie wohnt – natürlich nur vorübergehend – wieder in ihrem Kinderzimmer in Stars Hollow. Sie gibt mit zwei sehr alten Mitarbeitern die Stars Hollow Gazette heraus. „Ich habe kein Geld, keinen Job, und keine Unterwäsche“, schleudert sie ihrem Ex-Freund verzweifelt entgegen. Dagegen ist aus dem Teenager-Rebell ein erwachsener, feinfühliger Mann geworden, der erfolgreich seinen kleinen Verlag mit Freunden führt. Wie schon damals, als Rory ihr Studium in Yale aufgab und mit Lorelai den großen Streit hatte (Staffel 6), rüttelt er sie auf, macht ihr Mut und rät ihr, ein Buch zu schreiben – über die „Gilmore Girls“. Eine Idee, die in Rory endlich wieder die Leidenschaft zum Schreiben weckt. Aber auch eine Idee, die ihre Mutter Lorelai zum Toben bringt.

Was mit Lorelai geschieht – Spoiler

Der Tod ihres Vaters Richard hat Lorelai aus der Bahn geworfen. Die sowieso schon schwierige Beziehung zu ihrer Mutter Emily (Kelly Bishop) wird noch komplizierter. Beide Frauen tun sich schwer, mit ihrer Trauer umzugehen. Sie landen sogar gemeinsam bei einer Therapeutin. Frostiges Schweigen und verletzende Dialoge wechseln sich in allen Episoden ab. Lauren Graham und Emily Bishop glänzen in den emotionalen Szenen durchwegs. In ihren Rollen zeigen sie beeindruckend die inneren Kämpfe, die ihre Charaktere austragen, die Veränderungen, die sie durchmachen müssen – um am Ende tatsächlich glücklich zu sein. Emily trägt plötzlich Jeans, flucht, verlässt ihre DAR-Damen und zieht schließlich mit ihrer – immer gleichen – Angestellten und deren Familie in ein kleines Haus am Strand.

Lorelai hinterfragt ihr Leben. Das „Dragonfly Inn“ läuft, doch Michel will sie verlassen – außer sie vergrößert. Luke und sie sind eigentlich glücklich, doch nicht nur die beißenden Kommentare ihrer Mutter lassen Lorelai die Beziehung hinterfragen. Und Rory braucht sie auch nicht mehr so wie einst. „Plötzlich habe ich das Gefühl, mich nicht zu bewegen; als würde sich die Welt bewegen und ich stehe komplett still“, sagt sie. Da ist sie gerade in Kalifornien, um wie in dem Buch „Wild“ („Der große Trip“) auf dem Pacific Crest Trail zu wandern.

Lorelai und Emily gehen gemeinsam zur Therapie.
© Neil Jacobs/Netflix

Lorelai Gilmore, Natur, Wandern. Schon alleine die Ankündigung am Ende der „Sommer“-Episode bringt Luke dazu, in Panik zu verfallen. Denn für ihn steht fest: Lorelai will ihn verlassen. Und als sie dann auch noch viel früher als erwartet zurückkommt, und ihm erklärt, dass ihr nun alles klar sei, bricht es aus ihm heraus: „Ich brauch dich!“ Mit einem emotionalen Monolog, der die ganze gemeinsame Geschichte der beiden zusammenfasst, versucht Luke die vermeintlich unausweichliche Trennung zu verhindern. „Luke! Ich denke, wir sollten heiraten“, stoppt Lorelai ihn schließlich.

Am Tag vor der geplanten großen Hochzeitsfeier entscheiden sich die beiden dann mitten in der Nacht, doch gleich vor den Altar zu treten. Kirk hat endlich einmal alles richtig gemacht und den Platz um den Pavillon in eine funkelnde, romantische Zauberwelt verwandelt. Und nur mit Rory, Michel und Lane an ihrer Seite geben sich Luke und Lorelai endlich das Ja-Wort. Ein kleines liebevolles Details dazu: Die gesamte Sequenz ist mit „Reflecting Light“ unterlegt, dem Lied, bei dem Luke und Lorelai während der Hochzeit von Liz und TJ zum ersten Mal miteinander getanzt haben – und am Ende der vierten Staffel zum ersten Mal ein Paar wurden.

Die vier letzten Worte

Mit dem Bilderbuch-Ende könnten nun auch die „Gilmore Girls“ vorbei sein. Doch Amy Sherman-Palladino hat offenbar Gefallen an unerwarteten Wendungen. Und so endet „Ein neues Jahr“ da, wo es angefangen hat: mit Lorelai und Rory auf den Stufen des Pavillon. Und wie sie angekündigt hatte werden die vier Worte (in der deutschen Übersetzung fünf), nicht von einer Person gesprochen. „Mum.“ – „Ja“ – „Ich bin schwanger.“ Schwarzer Bildschirm.

Bei vielen Fans war sofort der Ruf nach einer Fortsetzung laut. Doch eigentlich ist es der perfekte Schluss. Denn der Kreis schließt sich: Mit 32 ist Rory genau so alt, wie Lorelai in der ersten Folge war. Logan – der wahrscheinliche Vater – ist für Rory der Mann, der Christopher für ihre Mutter war. Und Jess – der, nach einem sehnsuchtsvollen Blick auf Rory zu schließen, sie liebt wie eh und je – ist ihr Luke. Wie am Ende eines schönen Buches ist es nun an der Zeit, die geliebten Charaktere gehen zu lassen. Oder sich sein eigenes Ende auszudenken.

Fazit

„Gilmore Girls – Ein neues Jahr“ ist nicht perfekt. Die dritte Episode „Sommer“ bremst den Handlungsverlauf. Das bizarre Musical ist viel zu lang. Welchen Zweck es genau in der Geschichte erfüllt, außer der letzte Song, der Lorelai zu ihrem „Wild“-Trip bewegt, erschließt sich nicht. Schöner wäre es für die Zuschauer wohl gewesen, mehr Zeit mit Paris und Doyle, Lane und Zach oder auch Rory und Jess zu haben. Die dritte Folge ist überhaupt als die schwächste anzusehen. Und während Lorelai und Rory am Pool sitzen, verhalten sie sich auf unangenehme Weise merkwürdiger als je zuvor.

Die erste und vierte Folge sind emotional stark und auch die Dialoge fühlen sich wie früher an. Amy Sherman-Palladino hat die beiden Episoden geschrieben und auch Regie geführt. „Frühling“ und vor allem „Sommer“, für die Daniel Palladion hauptverantwortlich war, fallen dagegen ab. Die Handlung geht kaum voran, die Episoden verlieren sich zeitweise in Nebenschauplätzen.

Die Chemie zwischen den Schauspielern und ihren Charakteren stimmt jedoch. Fast alle von den Fans so gebliebten Bewohner von Stars Hollow aus der Originalserie haben zumindest einen Kurzauftritt. Besonders im Fall von Melissa McCarthy als Sookie ist es leider ein zu kurzes Gastspiel. Lorelai und Rory rasen auf einer Achterbahn der Gefühle zwischen Höhen und Tiefen einem Ende zu, das sich nicht jeder Fan gewünscht hat, aber trotzdem ein gebührender Abschluss einer Serie ist.

So schräg wie die Outfits der Gilmore Girls ist auch die dritte Episode "Sommer".
© Saeed Adyani/Netflix

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