Hochbetagte NS-Kriegsverbrecher in Deutschland vor Gericht

Karlsruhe (APA/dpa) - Mehrere mutmaßliche Kriegsverbrecher des nationalsozialistischen Regimes sind erst Jahrzehnte nach dem Ende des Zweite...

Karlsruhe (APA/dpa) - Mehrere mutmaßliche Kriegsverbrecher des nationalsozialistischen Regimes sind erst Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (1939-45) vor ein deutsches Gericht gekommen. Die Justiz besteht nicht mehr darauf, eine direkte Beteiligung an den Mordtaten in Vernichtungslagern nachzuweisen. Einige abgeschlossene und noch laufende Fälle:

OSKAR GRÖNING: Das Landgericht Lüneburg (Niedersachsen) verurteilt im Juli 2015 den als „Buchhalter von Auschwitz“ bezeichneten Oskar Gröning zu vier Jahren Haft wegen der Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen. Gründlich, effizient und gnadenlos hätten Menschen wie Gröning zum Funktionieren der Tötungsmaschinerie beigetragen, hieß es im Urteil. Dieses Urteil wurde am Montag vom deutschen Bundesgerichtshof mit Sitz in Karlsruhe (Baden-Württemberg) bestätigt.

REINHOLD HANNING: Der 94-jährige frühere Auschwitz-Wachmann wurde im Juni 2016 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Das Landgericht Detmold (Nordrhein-Westfalen) befand ihn der Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen für schuldig. Als SS-Unterscharführer habe er zum Funktionieren der Mordmaschinerie beigetragen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

JOHN DEMJANJUK: Der 91-jährige gebürtige Ukrainer starb 2012 in einem bayerischen Pflegeheim - zehn Monate nach seiner Verurteilung als Holocaust-Mittäter. Das Landgericht München hatte ihn wegen Beihilfe zum Mord an 28.000 Juden im Lager Sobibor zu fünf Jahren verurteilt. Mit Blick auf sein Alter wurde der Haftbefehl aber aufgehoben.

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HEINRICH BOERE: Das Landgericht Aachen (Nordrhein-Westfalen) verurteilte den 88-Jährigen 2010 wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft. Er hatte 1944 als Teil eines SS-Mordkommandos niederländische Zivilisten erschossen. Boere starb 2013 hinter Gittern. Er war 1949 in den Niederlanden in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt worden, hatte die Strafe dort aber nie angetreten.

SIERT BRUINS: Als Angehöriger der deutschen Sicherheitspolizei in den Niederlanden soll er 1944 einen Gefangenen erschossen haben. Dafür wurde der gebürtige Niederländer 1949 dort zum Tode verurteilt, später umgewandelt in lebenslange Haft. Mit 92 Jahren kam er 2013 in Deutschland vor Gericht. Das Landgericht Hagen (Nordrhein-Westfalen) stellte das Verfahren aber ein: Nach 70 Jahren sei der Nachweis des Mordvorwurfs nicht möglich gewesen.

NEUBRANDENBURG: Der Prozess gegen einen früheren Angehörigen des SS-Sanitätsdienstes in Auschwitz-Birkenau vor dem Landgericht Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern) platzte im Oktober 2016. Hintergrund waren Befangenheitsanträge gegen Richter. Der Prozess gegen den Angeklagten wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 3.681 Fällen hatte im September begonnen.

SUEL KUNZ: Der wegen Beihilfe zum Massenmord angeklagte mutmaßliche NS-Verbrecher starb 2010 kurz vor Beginn seines Prozesses. Kunz soll 1942/1943 Wachmann im Vernichtungslager Belzec gewesen sein. Wegen Mordes in zehn und Beihilfe zum Mord in mindestens 430.000 Fällen sollte dem 89-Jährigen der Prozess gemacht werden.

HANAU: Dem 93 Jahre alten Ernst T. wurde Beihilfe zum Mord in 1.075 Fällen als Wachmann in Auschwitz zur Last gelegt. Wenige Tage vor dem geplanten Prozessbeginn in Hanau (Hessen) starb er Anfang April 2016.

ELLWANGEN: Hans L., mutmaßlich früherer SS-Wachmann in Auschwitz, musste sich nicht wegen Beihilfe zum Mord vor Gericht verantworten. Das Landgericht Ellwangen (Baden-Württemberg) lehnte 2014 ein Verfahren gegen den 94-Jährigen wegen Verhandlungsunfähigkeit ab. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm vorgeworfen, Beihilfe zum Mord an 10.510 Menschen geleistet zu haben.

KIEL: Eine ehemalige SS-Funkerin, der Beihilfe zur Ermordung von mehr als 260.000 Juden in Auschwitz vorgeworfen wird, muss sich nicht mehr vor Gericht verantworten. Das Landgericht Kiel (Schleswig-Holstein) lehnte im September die Eröffnung des Hauptverfahrens wegen dauerhafter Verhandlungsunfähigkeit der Frau ab.


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