Berger stellt klar: „Rosberg ist keine Eintagsfliege“

Tirols Formel-1-Legende Gerhard Berger verbinden mit dem neuen Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg nicht nur die Vertragsverhandlungen mit Mercedes. Der 57-Jährige glaubt an weitere Titel für den Deutschen.

Nach getaner Arbeit kam ein Moment der Ruhe beim neuen Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg.
© imago/LAT Photographic

Wie glücklich sind Sie mit dem neuen Weltmeister Nic­o Rosberg?

Gerhard Berger: Ich freue mich für ihn und die Formel 1, weil es dem Sport guttut, einmal ein anderes Gesicht vom Thron lächeln zu sehen. Er ist ein würdiger Weltmeister und Lewis (Hamilton, Anm.) hat in ihm heuer seinen Meister gefunden.

Stichwort würdiger Titelträger – die Kritiker standen trotz Titelgewinns gleich ante portas.

Berger: Ich sage Folgendes dazu: Nico hat seine Teamkollegen stets im Griff gehabt. Selbst einen Rekord­weltmeister Michael Schumacher hat sich die Zähn­e an Rosberg ausgebissen. Mit Lewis Hamilton hat er nun einen ganz besonderen Fahrer gefunden. Der ist nicht umsonst in der Statistik hinter Schumacher die Nummer zwei. Er ist höchst talentiert und schnell. Ein Rennfahrer besteht immer aus einem Paket: Naturspeed, Fleiß, Disziplin usw. Und das Paket, das Rosberg mitbringt, ist auf einem ähnlichen Level wie das von Hamilton. Das sieht man schon alleine darin, dass 2014 ebenso erst im letzten Grand Prix die Entscheidung in Abu Dhabi fiel.

Damals zugunsten von Hamilton aufgrund eines technischen Gebrechens (Turbo) an Rosbergs Boliden ...

Berger: Eben. Und hätte Lewis das Problem gehabt, wäre Rosberg heute schon Doppelweltmeister. Damit will ich klarmachen, dass Rosberg keine Eintagsfliege ist. Diesmal ist es eben anders gelaufen. Das ist nur fair. Wir sehen also, wie knapp die ganze Angelegenheit prinzipiell zwischen den beiden ist.

Aber natürlich sind wir Fahrer alle schwer begeistert von der Geschwindigkeit von Hamilton. Das alleine macht es aber eben auch nicht aus. Aber sicher wär­e auch Hamilton ein würdiger Titel­träger gewesen, keine Frage.

Und was sagt der ehemalige Pilot Gerhard Berger über das absichtliche Bremsen an der Spitz­e von Hamilton?

Berger: Das war doch alles andere als unfair. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass sich Hamilton durchaus fair verhalten hat. Denn dies­e Karte musste er ja spielen. Und die hätte er noch ex­tremer spielen können. Was hätte er denn anderes tun können? Entweder Rosberg hat einen Defekt, oder er wird von zwei Piloten aufgehalten.

Hätte Hamilton die Karte vielleicht sogar früher spiele­n müssen?

Berger: Das wäre nicht gut gewesen. Denn da hätten ja noch alle reagieren können. Einerseits das Team, andererseits die Konkurrenz. Hamilton hat sich richtig verhalten. Und er hat es sicher nicht auf die Spitze getrieben. Ich kenne den Hamilton auch aggressiver. Natürlich hat er seinem Teamkollegen das Leben schwer gemacht, aber das ist ja seine Aufgabe als Jäger.

Gerhard Berger verhandelte die Vertragsverlängerung von Nico Rosberg bei Mercedes.
© imago/Sven Simon

Wäre in Ihrer aktiven Zeit so etwas überhaupt Thema gewesen?

Berger: Ich verstehe das ganze Theater überhaupt nicht, muss ich ganz ehrlich sagen.

Themenwechsel: Was waren Ihre persönlichen Höhepunkte in der abgelaufenen Formel-1-Saison? Im Positiven wie im Negativen?

Berger: Ganz klar Max Verstappen. Was der Junge gemacht hat, dem muss man einfach Respekt zollen. Vor allem seine Show in São Paulo. Er mit seinen 19 Jahren, der der Konkurrenz zeigt, wo es lang geht. Auch die generelle Aufholjagd von Red Bull hat mich beeindruckt. Wenn wir uns kurz zurückerinnern, was vor einem Jahr um diese Zeit los war. All die Diskussionen mit dem Motoren­lieferanten Renault. Da hat sich sehr viel getan.

Und was hat Sie enttäuscht?

Berger: Ferrari und Sebastian Vettel (GER) sind sicher nicht da gelandet, wo man sie erwartet hätte.

Glauben Sie, dass es für die Roten mit der technischen Revolution 2017 leichter wird?

Berger: Das ist jetzt schwer zu sagen. Man wird da mit Geduld an die Sache rangehen müssen.

Sie kennen Rosberg besser. Nicht nur, weil Sie für ihn heuer die Vertragsverhandlungen geführt haben. Wird ihn dieser Nummer-eins-Status noch mehr beflügeln?

Berger: Definitiv. Der hat noch lange nicht genug und wird noch stärker werden. Vor allem, weil jetzt der Rücken komplett frei ist.

Glauben Sie generell, dass es durch das neue Regulativ 2017 zum Ende der Mercedes-­Dominanz kommen könnte?

Berger: Das bezweifle ich, aber lassen wir uns über­raschen.

Wie sehr hat Sie es gefreut, dass Rosberg Sie sogar namentlich bei der Dankes­rede angesprochen hat?

Berger: Ich sehe das ganz emotionslos. Ich habe da nur eine kleine Rolle übernommen. Was mich mehr gefreut hat, war, dass alles eingetreten ist, womit ich bei den Vertragsverhandlungen argumentiert habe. Ich musste ja seine Stärken vertreten. Man hat etwas verkauft, was auch eingetreten ist. Das freut mich mehr. Er hat Nerven bewiesen, keine Fehler gemacht, und die Krone nach Hause gefahren.

Wird man Gerhard Berge­r in einer ähnlich über­raschenden Funktion 2017 wiedersehen?

Berger (lacht): Solche Sachen ergeben sich einfach, schaue­n wir mal.

Das Gespräch führte Daniel Suckert

Gastkommentar

Unglückliche Wortwahl

Von Karl Wendlinger

Kurz habe ich mir gestern beim Finale in Abu Dhabi überlegt, was man wohl uns in einer ähnlichen Situation über Funk gesagt hätte. Wenn einer der Stars der 90er-Jahre sozusagen an der Spitze liegend „gebummelt“ hätte. Vielleicht wäre ähnlich diskutiert worden. Fakt ist, mich hätte man nur schwer erreicht. Denn der Funk bei March (1992) hat gar nicht funktioniert und der bei Sauber (1993–95) nur 100 Meter vor und nach der Box.

Aber Spaß beiseit­e – natürlich kann ich der Argumentation von Mercedes etwas abgewinnen. Vor allem, was den Wortlaut von Lewis Hamilton („Lasst mich in Ruhe“) betrifft. Auf der anderen Seite musst du als Formel-1-Pilot alle Möglichkeiten ausschöpfen. Besonders, wenn es deine letzte Chance im Kampf um den Weltmeistertitel ist.

Trotzdem glaube ich, dass man von internen Strafen absehen wird. Mercedes weiß, was sie an Hamilton haben, und umgekehrt ist es genauso. Und wenn man es ganz genau nimmt, haben die Silberpfeile ja trotz „Bummelfahrt“ nicht wirklich Probleme bekommen. Die Dominanz des deutschen Teams hat nicht groß gelitten. Bleibt abzuwarten, was sich da im kommenden Jahr tun wird.


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