Kein Ende in Sicht

Mit seinem preisgekrönten Programm „Der allerletzte Tag der Menschheit“ gastiert Hosea Ratschiller in Tirol. Mit der TT spricht er über Apokalypse, Führerfiguren und den Nikolo.

© Peter Sihorsch

Von Christiane Fasching

Hall –„Jetzt ist wirklich Schluss.“ Der Untertitel von Hosea Ratschillers Kabarett-Programm „Der allerletzte Tag der Menschheit“ klingt ziemlich endgültig – ist aber nicht als Apokalypse-Prophezeiung zu verstehen. „Ich wollte damit auf die Sequels diverser Blockbuster anspielen, die mit ,Jetzt geht’s richtig rund‘ oder ,Mit noch mehr Schwung‘ werben“, erklärt der Kabarettist die schwarzmalerischen vier Worte, die nach dem Wahlsieg von Donald Trump mancherorts tatsächlich gefallen sind. Also: Ist jetzt wirklich Schluss? Ratschiller beschwichtigt: „Jetzt von Weltuntergang zu sprechen, halte ich nicht für hilfreich. Natürlich ist es höchst unerfreulich, wenn jemand wie Trump in die Nähe von Entscheidungsbefugnissen kommt. Mittlerweile muss man das wieder klarer betonen, weil es offenbar genügend Menschen gibt, die derlei Figuren gut finden.“

Aber weg vom Unter- hin zum Haupttitel von Ratschillers Programm, für das er und das Duo RaDeschnig, das die Musik beisteuert, heuer mit dem Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet wurden – und das dereinst aus einer Laune heraus entstanden ist. Und als Verbeugung vor Karl Kraus’ monumentalem Werk „Die letzten Tage der Menschheit“, das anno 2014 – im Weltkriegs-Gedenkjahr – hoch im Kurs stand. „Viele Landestheater und Off-Bühnen haben eine Neuinszenierung herausgebracht – und kamen sich dabei sehr satirisch und kritisch vor. Ich hab’ mich damals gefragt, warum kein aktueller Stückauftrag zu diesem Thema an einen zeitgenössischen Satiriker vergeben wird – und hab’ das Ganze selber in die Hand genommen“, erzählt Ratschiller, der sich ein bisserl fühlte „wie die Buben im Park, die sich beim Fußballspielen ein David-Alaba-Trikot überziehen“. Und sich bewusst war, dass Kraus „eine Hausnummer ist, der man nicht gerecht werden kann“. Sein Weiterdreher zur großbürgerlichen Tragödie in fünf Akten ist im Hier und Jetzt angesiedelt – und geht der von einer Gratiszeitung aufgeworfenen Frage auf den Grund: „Kommt jetzt der Weltkrieg?“ Um eine Antwort darauf zu finden, schlüpft Ratschiller in mehr als 40 Rollen – unter anderem in jene des Waffenhändlers Ernest Rotkopf, der seufzend über die „Bedeutungslosigkeit“ des herrlichen Österreich lamentiert. Und hat er Recht damit? Wenn’s nach Ratschiller geht, schon: „Die Bedeutungslosigkeit von Österreich ist ein wahnsinniger Vorteil: Bei uns kommt niemand in Särgen aus Kriegsgebieten nach Hause. Wir haben einen enormen Reichtum, der auf eine interessante Geschichte trifft, die im 20. Jahrhundert sehr unrühmlich ist: Trotzdem haben uns die Alliierten mit dem Marshall-Plan verhätschelt und aufgepäppelt – und obendrein hat man uns die Demokratie geschenkt.“

Sagt’s und schimpft auf HC Straches „Rede zur Lage der Nation“, in der dieser am Nationalfeiertag einen drohenden Bürgerkrieg an die Wand malte. In der Realität fabuliert jetzt also kein Kasblattl, sondern ein FPÖ-Politiker vom Ende friedlicher Zeiten. Für Ratschiller eine extreme Grenzüberschreitung. „Wenn man als gewählter Volksvertreter solche Kampagnen fährt, dann ist man ausgeschieden, dann muss man den Diskurs eigentlich beenden“, ist er überzeugt. Und ruft dazu auf, den Dialog mit „solchen Führerfiguren auf das notwendigste Mindestmaß zu beschränken“, um dann wieder auf Donald Trump zu kommen, dessen Reden im Vorwahlkampf in voller Länge ausgestrahlt wurden. Ratschiller: „Anstatt zweieinhalb Stunden mit Populismus auf Quotenfang zu gehen, hätte man auch seriösen Journalismus machen können – wem dieser Stil genützt hat, sieht man jetzt ja.“

Aber zurück nach Österreich, wo am Sonntag ja erneut versucht wird, einen Bundespräsidenten zu wählen. Mit welchem Gefühl blickt Ratschiller dem 4. Dezember entgegen? „Ich finde es erstaunlich, dass sich dieser monatelang andauernde Wahlkampf letztendlich auf die Frage ,Krampus oder Nikolo?‘ zuspitzt. Das sagt ja auch sehr viel über das Niveau der politischen Debatte hierzulande aus“, meint er. Und wer ist jetzt der Krampus – Norbert Hofer oder Alexander Van der Bellen? Ratschiller schmunzelt: „Beiden Seiten geht’s jetzt nur noch darum, ihren Kandidaten glaubwürdiger zum Nikolo zu erklären.“

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