Der Stoff, aus dem die wahren Helden sind

Obwohl die Hintergründe des „Wunders vom Hudson River“ bekannt sind, gelingt Clint Eastwood mit „Sully“ ganz großes Spannungskino.

© Warner Bros

Von Peter Angerer

Innsbruck –Der 11. September fiel dieses Jahr auf einen Sonntag. Eine Präsidentschaftskandidatin und ein Kandidat mussten an diesem 15. Gedenktag für die Anschläge auf das World Trade Center den Wahlkampf ruhen lassen und am Ground Zero patriotische Eintracht demonstrieren. Seit Freitag lief in 3000 US-Kinos Clint Eastwoods „Sully“, der Blockbuster dieses und noch folgender Wochenenden. Das Meisterstück einer Hollywood-Marketingstrategie beginnt mit einem Albtraum und endet mit einem Aufruf zur Versöhnung.

Am 15. Jänner 2009 startete ein Airbus mit 155 Passagieren von New York nach Charlotte, North Carolina. Zwei Minuten nach dem Abheben traf die Maschine auf einen Schwarm von Wildgänsen, die beide Triebwerke außer Betrieb setzten. Im Gleitflug blieben noch drei Minuten und 28 Sekunden. Der Pilot Chesley „Sull­y“ Sullenberger meldete den Schaden dem zuständigen Fluglotsen, der eine Rückkehr zum LaGuardia-Flughafen empfahl. Der Kopilot Jeff Skile­s suchte im Airbus-Handbuch nach Anweisungen für solche Notfälle, während New Yorker Passanten und Menschen, die aus den Fenstern ihrer Wohnungen oder Büros schauen, von einem Déjà-vu-Erlebnis heimgesucht wurden. Wie viele Gedanken haben in einem Moment der höchsten Konzentration Platz, um nicht von einer Entscheidung über Leben und Tod abzulenken?

Im Passagierraum darf keine Panik ausbrechen, im schlimmsten Fall würde der Name Sullenberger für alle Zeiten in einem Atemzug mit jenem Bin Ladens genannt werden und tatsächlich entgleitet dem Piloten die Maschine, die im Zentrum von Manhattan in einen Büroturm kracht, und die Bilder vermischen sich mit jenen von 9/11. Obwohl die Zuschauer von „Sully“ die Bilder des „Wunders vom Hudson“ kennen, ist diese Eröffnung ein Schock, spielt sie doch mit den Gefühlen und den Erinnerungen.

Schweißgebadet erwacht der von Tom Hanks gespielte Sully, der sich einer Anhörung vor der nationalen Flugverkehrsbehörde stellen muss, denn der Pilot hat alles falsch gemacht. Es ist das schmachvolle Ende einer glanzvollen Pilotenkarriere – ein Jahr vor der Pensionierung.

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Sieben Mal zeigt Clint Eastwood, inzwischen 86 Jahre alt, diese drei Minuten und 28 Sekunden, die mit der unorthodoxen Wasserlandung enden, im Lauf von „Sully“. Während die Menschen auf den Straßen Sully umarmen, Barkeeper den Helden mit einem Sully-Cocktail ehren, David Letterman die glorreiche Crew in seine Show holt, entwickeln die Airbuswerke in Frankreich eine Simulationssoftware, die das Versagen Sullenbergers belegen soll. Das Privatleben des von allen Menschen geschätzten Piloten wird nach Unregelmäßigkeiten, Alkohol- und Drogenproblemen durchleuchtet, schließlich geht es für Versicherungen und Konzerne um viel Geld und Reputation. Sully, der in seiner Brieftasche eine Glückskeksweisheit („Lieber eine Verspätung als eine Katastrophe“) hütet, bringt mit seinem Kopiloten (Aaron Eckhart) den „menschlichen Faktor“ ins Spiel, der von den Simulationen nicht berücksichtigt wird.

Im Abspann werden die Daten nachgeliefert. Die Untersuchungen gegen Sully und Skiles dauerten ein Jahr, bis die Flugverkehrsbehörde bereit war, die Piloten zu rehabilitieren und das „Wunder“ einer einzigartigen Leistung zuzuschreiben. Das ist natürlich ein Stoff ganz nach dem Geschmack Clint Eastwoods, der nach seinem bizarren „American Sniper“-Epos mit „Sully“ realistisches Spannungskino liefert und seinem Helden sogar ein Plädoyer für das Kollektiv erlaubt.


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