Der vergessene Gigant

Am 23. Dezember jährt sich Heimito von Doderers Todestag zum 50. Mal. In seinem neuen Buch widmet sich Klaus Nüchtern dem Autor der „Strudlhofstiege“ in Form hinreißend hellsichtiger und hintersinnig heiterer Essays.

Klaus Nüchtern, Literaturkritiker des "Falter", lädt mit seinem neuen Buch zur Doderer-Lektüre ein.
© Hertha Hurnaus

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Zugegeben, die These ist steil: Aber vielleicht verdankt sich eines der bedeutungsschwersten Gesamtwerke der österreichischen Literaturgeschichte auch dem Umstand, dass man schon ein einigermaßen genialer Ingenieur sein muss, um eine Zugverbindung zwischen Innsbruck und Garmisch durch die Alpen zu zaubern. Heimito von Doderers Vater, Wilhelm Carl Gustav von Doderer, jedenfalls war Mitkonstrukteur der Karwendelbahn – und gestrenger Patriarch einer blaublütigen Ingenieurssippschaft. Sohn Heimito allerdings tanzte aus der Reihe. 1920 kehrte er als angehender Schriftsteller aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück. Und war als solcher pedantisch darum bemüht, sich den Ruf als „Literaturtechniker“ und „Textingenieur“ zu erschreiben. Wenn schon keine Eisenbahntrassen, so sollten wenigstens ebenso umfang- wie wendungsreiche Romane an seinem Reißbrett entstehen. Selbst wenn man Doderers Absichtserklärung mit Vorsicht genießt, weil man weiß, dass er in der Selbstdarstellung bisweilen etwas trickste und manches präzise gesetzte Detail, das früh im Text schon auf die finale Wendung verweist, erst nachträglich seinen Weg in den auktorialen Masterplan fand, wirkt die These nicht unplausibel. „Ich halte es für wahrscheinlich, dass Doderer gegen die fehlende Wertschätzung innerhalb der Familie anschrieb – und mit jedem Roman beweisen wollte: ‚Schaut her, ich kann das auch‘“, sagt Klaus Nüchtern im TT-Gespräch.

Überhaupt sei Heimito von Doderer ein gerade ob seiner Widersprüche faszinierender Autor. Einer, der darauf beharrte, dass ein Schriftsteller ganz hinter seinem Werk verschwinde – und sich für die eigenen Bücher intimster Details aus seinem privaten Umfeld unverschämt bediente, erklärt Nüchtern. Der Wiener Literaturkritiker hat mit „Kontinent Doderer“ ein außergewöhnliches Buch über den außergewöhnlichen Autor, dessen Todestag sich am 23. Dezember zum 50. Mal jährt, geschrieben.

In sieben Essays wagt Nüchtern sich ebenso kenntnisreich wie hellsichtig an den im Klassikerregal etwas in Vergessenheit geratenen Giganten der heimischen Nachkriegsliteratur. Und fördert dabei mitunter Erstaunliches zu Tage. Parallelen des Kinoverächters Doderer und dem kinematografischen Spannungsgroßmeister Alfred Hitchcock zum Beispiel.

Nicht nur dass sowohl Hitchcocks „Fenster zum Hof“ (1954) als auch Doderers „Das erleuchtete Fenster“ (1950) im Grunde nur davon handeln, „dass ein älterer Herr in die Zimmer seiner Nachbarn spechtelt“, auch formal entpuppen sich die beinahe Gleichaltrigen (Doderer war Jahrgang 1896, Hitchcock 1899) als Brüder im Geiste. Nüchtern: „Bei Hitchcock entsteht die Spannung zumeist dadurch, dass der Zuschauer mehr weiß als die Figuren. Sogesehen ist die ‚Strudlhofstiege‘ reiner Hitchcock. Auf Seite eins erfährt man, dass Mary K. am 21. September 1925 von einer Straßenbahn das Bein abgefahren wird – und über 700 Seiten und zahllose Volten, Erzählstränge, Entschleunigungsmanöver und süffige Beschreibungen des besagten Beines später darf der Unfall dann auch endlich passieren.“

Der „Strudlhofstiege“, die 1951 erschien, verdankt Doderer, damals immerhin schon 55 Jahre alt, seinen literarischen Durchbruch. Als für die Rezeption des veritablen Wälzers wegweisend gilt nicht zuletzt eine Besprechung der 1936 nach England emigrierten Großkritikerin Hilde Spiel in der Zeitschrift Der Monat, die sich von Doderers Schilderungen an das Wien ihrer Kindheit erinnert fühlte. Spiels Wertschätzung war freilich nicht nur für das literarische Renommee des Autors folgenreich. „Spiel hat Doderer einen Persilschein ausgestellt“, so Nüchtern. Sie ermöglichte es Doderer, der bereits im April 1933 in die NSDAP eintrat, binnen weniger Jahre – sein Opus magnum „Die Dämonen“ erschien 1956 – zum geachteten Staatsdichter der Zweiten Republik aufzusteigen.

Es sei einfach gewesen, Doderer in den fürs „Nachkriegs-Nationbuilding“ bedeutsamen Topos der Kontinuität des „Österreichischen“ in Abgrenzung zum Deutschen einzuordnen, sagt Nüchtern. „Außerdem stand Doderer nach 1945 nicht im Verdacht, ein Kalter Krieger zu sein.“

Doderers Verstrickungen in den Nationalsozialismus und der Frage, wie es ein „belasteter Autor“ 1957 als nobelpreiswürdiger „Spätzünder“ auf das Cover des Spiegels schaffte, widmet Nüchtern einen zentralen Essay des Bandes. Durchwegs kritisch und durchaus elegant gelingt es ihm darin, den sprichwörtlichen Elefanten im Raum, der manche Berührungsangst mit Doderers Texten erklärt, klar zu benennen – und zugleich weit über das eigentliche Thema hinaus zu weisen, um Grundsätzliches zur Geschichtsaufarbeitung in Österreich zu verhandeln.

Letztlich geht es Nüchtern bei seiner Durchquerung des „Kontinents Doderer“ aber weniger darum, Verhalten und Verhältnisse des Schriftstellers zu erklären oder gar zu rechtfertigen. Vielmehr will er – das unterstreicht er auch im Interview mit der TT – zur Doderer-Lektüre animieren. Und das gelingt meisterhaft. Wäre es nicht eine dieser totgenudelten Uralt-Floskeln, man müsste an dieser Stelle davon schwärmen, dass Nüchtern einen Klassiker sachgerecht entstaubt – und dabei einen der großen Erzähler des 20. Jahrhunderts freilegt. Einen Erzähler, dem keine Wendung zu kolportagehaft, zu waghalsig ist. Und der sich – man möcht’s kaum glauben – als grantelnder Humorist sondergleichen entpuppt. Auch oder gerade weil seine an Personal und Aha-Momenten reichen, aberwitzig verzopften Plots mitunter ins Groteske kippen. Nach Nüchtern will man Doderer lesen. Keine steile These. Versprochen.

Essays Klaus Nüchtern: Kontinent Doderer. Eine Durchquerung. C. H. Beck, 351 Seiten, 28,80 Euro. Präsentation: Donnerstag, 1. Dezember, in der Wagner’schen. Beginn: 19 Uhr.


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