Ein Gefühl von Sicherheit

Lawinenkurse boomen. Tausende Wintersportler lassen sich jede Saison in Tirol über die Gefahren im freien Gelände aufklären. Steigt mit dem Wissen auch die Risikobereitschaft?

Bei den Freeride-Camps lernen die Teilnehmer direkt vor Ort, wie sie die Gefahren im freien Gelände einschätzen und wie sie im Falle einer Lawine Verschüttete finden.
© Matthias Pristach

Von Matthias Christler

Innsbruck –Ein Wintersportler, der im freien Gelände unterwegs ist, soll sich immer wieder die eine Frage stellen: „Stop or Go?“. So nennt sich auch ein Konzept, das mit klaren Regeln hilft, die Entscheidung zu treffen, ob ein Hang sicher ist oder nicht. Ein Faktor kann nicht berücksichtigt werden: ob jemand mehr Risiko eingeht, wenn er Ausrüstung (LVS-Gerät, Airbag) dabei hat und über ausreichend Erfahrung bzw. Wissen über die drohenden Gefahren verfügt.

In keiner anderen Wintersportregion wird so viel Wissen vermittel wie in Tirol. Seit den ersten Lawinencamps vor 18 Jahren auf der Seegrube boomen Kurse und Workshops: „Jede Initiative ist wertvoll, sofern sie ihrer Verantwortung nachkommt und nicht eine falsche Sicherheit vermittelt“, sagt Michael Larcher, Leiter der Bergsportabteilung im Alpenverein. Das Risikomanagement im freien Gelände sei eben viel schwieriger als etwa beim Klettern, wo die Gefahren durch die richtige Handhabung eines Sicherungsgerätes minimiert werden könnte. „Die Einschätzung eines Steilhanges ist immer mit einer Unsicherheit verbunden. Aber die junge Generation ist viel offener für eine Ausbildung.“

Der Alpenverein trägt mit „risk’n’fun“ dazu bei. Dani Tollinger koordiniert die Kurse, „in denen wir einen Schwerpunkt auf die Ausbildung legen“. Wer alle vier „Levels“ absolviert, hat am Ende 22 Tage Theorie sowie Praxis hinter sich und kann im hochalpinen Bereich Touren alleinverantwortlich planen. Obwohl schon „Level 1“ fünf Tage dauert, „habe ich das Gefühl, dass die Teilnehmer danach im ersten Moment etwas verunsichert sind. Erfahrungsgemäß braucht es mehr und dann eben den nächsten Kurs, um das Wissen zu festigen“, erklärt sie.

Ähnlich sehen es die Vorreiter der Lawinencamps, die Initiatoren von SAAC, darunter Geschäftsführer Lucky Rauscher. Die zweitägigen, kostenlosen Basic-Camps sieht auch er, wie es der Name schon sagt, „als ein erstes Reinschnuppern und als eine Sensibilisierung gegenüber den Gefahren“. Eine Master-Arbeit hat untersucht, mit welchen Gefühlen die Teilnehmer die Basis-Camps verlassen. Auf die Frage, ob man nach den Kursen Freeriden und Skitourengehen riskanter wahrnimmt als zuvor, stimmen etwa 80 Prozent entweder ganz oder zumindest teilweise zu. 75 Prozent geben an, die Gefahren besser einschätzen zu können. Knapp jeder fünfte der Teilnehmer des Basis-Kurses besucht den Aufbaukurs, der sich im Gelände intensiver mit Planung und Gefahren einer Tour auseinandersetzt. Auch auf die Gruppendynamik wird Wert gelegt. Kann man sich gegen andere behaupten, wenn man glaubt, dass ein Hang gefährlich ist? Da laut Statistik 80 Prozent der Lawinenopfer männlich sind, gehen die Experten davon aus, dass der Mann risikofreudiger ist.

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Umso wichtiger sei es, sagt Freeriderin Aline Bock, speziell Frauen mehr Wissen mit auf den Weg in den Hang zu geben. „Frauen in einer Gruppe sollen den Mut haben, ihre Meinung zu vertreten. Dafür brauchen sie die Grundkenntnisse“, sagt die Wahl-Innsbruckerin und ehemalige Freeride-Weltmeisterin. Sie veranstaltet deshalb mit einigen Kolleginnen am kommenden Wochenende am Pitztaler Gletscher ein eigenes Camp nur für Frauen. Ausschlaggebend für den Kurs sei außerdem der Tod von zwei Freeriderinnen, darunter die Schweizerin Estelle Ballet, gewesen.

Das oft zitierte Restrisiko bleibt. Michael Larcher vom Alpenverein spricht ein weiteres Problem an: „Tourengehen und Freeriden haben viel mit dem Freiheitsbedürfnis zu tun. Endlich wohin zu kommen, wo keine Regeln gelten. Besonders dort muss man aber Regeln, die man gelernt hat, einhalten. Diese psychologische Schwelle zu vermitteln bedarf einiges an pädagogischem Geschick.“

Lawinencamps und Sicherheitstrainings fürs freie Gelände in Tirol

SAAC. Vor 18 Jahren starteten die "snow& alpine awareness camps" als Vorreiter in Sachen Bewusstseinsbildung für alpine Gefahren mit zwei Terminen auf der Seegrube. In dieser Saison werden über 30 Termine in Tirol, Salzburg, Vorarlberg und Deutschland angeboten-auch Camps nur für Frauen. Aufbau: In den zweitägigen Basic-Camps (ab 14 Jahren) wird Theorie und Praxis geschult. Die vertiefenden Aufbaucamps SAACnd Step dauern zwischen drei und fünf Tagen. Kosten: Die Basic-Camps sind kostenlos, das Liftticket ist zu bezahlen. Die SAACnd Step kosten ab 275 Euro (ohne Übernachtung). Termine: Von den 14 Basic-Camps in Tirol sind 10 bereits ausgebucht; Restplätze werden noch vergeben. Bei SAACnd Step ist bislang nur der Termin an diesem Wochenende am Stubaier Gletscher voll belegt. Infos und Anmeldung: www.saac.at

risk'n'fun. Die Freeride-Camps des Alpenvereins unterteilen sich in vier Ausbildungsstufen. Aufbau: Level 1 (Traininigssession),5 Tage Ausbildung im pistennahen Gelände; Level 2 (Next Level),5 Tage im Gelände abseits der Skilifte; Level 3 (Backcountry Pro) 5 Tage Tourenwoche; Level 4 (Alpine Professionals), 7 Tage im hochalpinen teils vergletscherten Gelände. Ab 16 Jahren. Kosten: Die Preise für die Camps beginnen je nach Dauer und Skigebiet für Alpenvereinsmitglieder ab ca. 450 Euro. Für Jugendliche gibt es eine Förderung. Nicht-Mitglieder zahlen mehr. Ausrüstung, Übernachtung und Liftkarten sind inklusive. Termine: Das nächste Level1-Camp findet von 17. bis 21.12. in Sölden statt. Infos und Anmeldung: www.alpenverein.at/risk-fun

Snowhow. Die Snowhow-Camps richteten sich zu Beginn an Jugendliche, es gibt immer noch eigene Lawinenkurse für Schulen. Aufbau: Abgesehen von den Schulkursen wird Sicherheit im Gelände in den Tourenkursen (2 Tage) und Freeride-Kursen (1 oder 2 Tage) unterrichtet, ab 16 Jahren. Kosten: Die Tourenkurse kosten 125 Euro, inkl. Ausrüstung. Die Freeride-Kurse sind kostenlos, Lifttickets nicht inklusive. Termine: Die Kurse beginnen im Jänner. Infos und Anmeldung: snowhow.info

Freeridecamps. Profi-Freerider wie Flo Orley stehen hinter diesem Veranstalter. Aufbau: Angeboten werden zweitägige Junior Camps (zwischen 15 und 18 Jahren),Advanced Camps (Junior Camp Voraussetzung bzw. ab 18) und Line Camps (ab 18). Kosten: Bis auf die Line Camps (50 Euro) kostenlos. Lifttickets und Ausrüstung inklusive. Termine: Als Nächstes findet das Line Camp am 10./11.12. in Innsbruck statt. Infos und Anmeldung: www.freeridecamps.at

Safe On Snow. Die Wahl-Innsbruckerin Aline Bock organisiert Lawinencamps nur für Frauen (ab 14 Jahren).Für den Tirol-Termin morgen Samstag am Pitztaler Gletscher sind noch Restplätze verfügbar; Kosten 120 Euro. Infos und Anmeldung: www.safeonsnow.org

Vorträge Alpenverein. Seit dieser Saison bietet der Alpenverein den Vortrag "Lawine Update" an mehreren Orten an. Gestern fand der Termin in Hall statt, es folgen noch: 6.12.2016 Zell am Ziller, Neue Mittelschule, 19 Uhr; 11.1.2017, Reutte, VZ Breitenwang, 19 Uhr; 13.1.2017, Schwaz, Wirtschaftskammer, 19.30 Uhr.


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