Hilfe auf eigene Faust

Abseits von Hilfsorganisationen und einer größeren Öffentlichkeit hilft Franz-Josef Höllwarth aus Münster Flüchtlingen in Griechenland. Selbst wenn er gar nicht vor Ort ist.

Joe Höllwarth in Idomeni bei seiner ersten Hilfsreise. Im Jänner startet er wieder los.
© Hoellwarth

Von Marco Witting

Münster –Es ist eine außergewöhnliche Story eines ungewöhnlichen Mannes, der eigentlich ein recht gewöhnliches Leben in Tirol führt. Franz-Josef, genannt Joe, Höllwarths Alltag liegt in seinem Beruf in der Baubranche. Doch abseits davon besteht sein Tag aus der Hilfe für Flüchtlinge in Griechenland. Dreimal war er mittlerweile persönlich vor Ort. „Wenn ich nicht dort bin, bin ich trotzdem irgendwie dort“, erzählt er. Der Beweis dazu folgt nach dem Interview, das ihm anfangs ein wenig unangenehm zu sein scheint. Denn als das Gespräch zu Ende ist, zeigt er sein Handy. Und die lange Liste von Flüchtlingen, die ihn über WhatsApp aus Griechenland kontaktiert und um Hilfe aller Art gebeten haben. So nebenbei hat der Tiroler mit anderen Freiwilligen das DocMobile, eine rollende Krankenstation, gegründet und finanziert und wenn die einmal nach dem Weg fragen, dann koordiniert er eben in der Mittagspause den Transport. Das alles auf eigene Faust.

Die Frage nach dem Warum, die muss Höllwarth öfter beantworten. Schließlich macht er alles ohne den Rückhalt einer Hilfsorganisation, im Urlaub und in der eng bemessenen Freizeit. „Ich habe am Anfang die Bilder aus Griechenland gesehen und konnte nicht mehr anders als helfen.“ Erst engagierte sich der Arbeiter in Spielfeld, danach in Idomeni. Da wie dort knüpfte er Kontakte zu anderen Freiwilligen, aus Deutschland oder der Steiermark. Er startete im März einen privaten Spendenaufruf und einen Hilfstransport nach Griechenland. Was er damals gesehen hat, diese Bilder lassen ihn bis heute nicht mehr los. „Wir sind da schon auch ein wenig blauäugig in dieses Lager reingefahren. Da kommt man in eine Zeltstadt, in der alles nach Plastik stinkt, weil wirklich alles verbrannt wird. Die Menschen, so viele Babys frieren. Und die sind über alles froh, was man ihnen gibt. Wenn dann bei einer Verteilung von Gütern in aller Früh noch 100 Leute anstehen um Tee und man hat nichts mehr, das bricht einem schon das Herz“, erklärt Höllwarth.

Mit Zorn auf die Weltpolitik und gemischten Gefühlen kehrte er zurück und beschloss, sich noch intensiver zu engagieren. So verbrachte Höllwarth seinen Sommerurlaub in Flüchtlingslagern in Thessaloniki. Und startete mit anderen Freiwilligen das DocMobile. Ärzte finden, koordinieren, Geld auftreiben, sei es auch aus der eigenen Tasche, das gehört seitdem zum Alltag des Unterländers. So hat er mehrere Schwerverletzte aus den Zeltstädten bringen und in Wohnungen unterbringen können. „Wenn es darum geht, dass wir einen vier Jahre alten Buben mit schweren Verwundungen zu seinem Vater nach Deutschland bringen wollen, der dort anerkannten Asylstatus hat, dann macht mich die Bürokratie zornig“, sagt Höllwarth. In solchen Fällen organisiert er abends via E-Mail und die sozialen Netzwerke die Hilfe auch von Tirol aus. Mehrere Stunden pro Tag engagiert sich der Unterländer so. Warum? „Dass meine kleine Tochter einmal in einer besseren Welt leben kann“, sagt Höllwarth, der im Gespräch mehrfach sein Gesicht in den Händen vergräbt. In seinem Ausdruck wird dabei auch ein wenig das Leid sichtbar, das er gesehen haben muss. Seit Juli läuft das DocMobile in Griechenland. Ärzte aus Spanien, Deutschland und Österreich, allesamt Freiwillige, versehen so Dienst – bei Bedarf auch für hilfsbedürftige Griechen. Über 6500 Euro hat man dafür aufgewendet, sogar einen Verein in Deutschland gegründet, um das alles betreiben zu können. Woher er die Energie nimmt? Höllwarth sucht in seinem Handy. Er zeigt eine Fotomontage, die ein Syrer gebastelt hat, dem Höllwarth geholfen hat. Das Bild zeigt zwei Kinder, vor einer hell beleuchteten Straße – die kleine Tochter des Tirolers und den Sohn des Syrers. Die beiden Kinder haben sich nie gesehen. Das Bild soll aber ein Zeichen der Verbundenheit und Dankbarkeit sein. „Das ist schon großartig“, strahlt Höllwarth zum ersten Mal beim Interview. Er werde weitermachen. „Es hört ja nicht auf“, sagt er abschließend.

Der Freundeskreis des Flüchtlingsheims St. Gertraudi hat im November zweimal Kleiderspenden für Höllwarth organisiert. Diese sind mittlerweile sortiert und verladebereit. Unter dem Kennwort DocMobile werden unter der Kontonummer AT23 14000 0668 1012 5889 auch Geldspenden für Medikamente im DocMobile gesammelt. Nähere Infos gibt es auf der Internetseite des Vereins unter www.fluechtling.org.

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