Tirol und das Aids-Gespenst: Rund 30 Neuinfektionen pro Jahr

Dass eine HIV-Infektion heutzutage kein Todesurteil mehr ist, erleichtert und verleitet zugleich – auch in Tirol. Im Durchschnitt vergehen vier Jahre bis zur Diagnose.

(Symbolfoto)
© dpa

Von Marina Rehfeld

Innsbruck - Junkie-Krankheit, Schwulenpest, Afrika-Epidemie, Süchtler-Seuche. Aids hat unzählige Namen und viele Gesichter. In den Köpfen der meisten Tiroler ist die Immunschwäche-Krankheit aber vor allem eines: weit weg.

Das Aids-Gespenst, das sich mit Beginn der 1980er-Jahre auch ins kollektive Bewusstsein der Europäer geschlichen hat, scheint zunehmend an Bedrohlichkeit zu verlieren. Dank großer medizinischer Fortschritte ist eine Ansteckung mit dem HI-Virus nicht mehr gleich ein Todesurteil. Das erleichtert einerseits und verleitet anderseits. Die Sicherheit, in der sich viele wähnen, trügt jedoch. Aids ist nach wie vor allgegenwärtig. Auch im „heiligen Land“.

„Offiziell“ 1300 Infizierte in Tirol

In Tirol leben derzeit „offiziell“ rund 1300 Infizierte. Die Dunkelziffer dürfte allerdings weitaus höher sein. Laut Europäischem Zentrum für Krankheitskontrolle (ECDC) ist das größte Problem, dass viele Menschen schlichtweg nichts von ihrer Ansteckung wissen.

Einer von sieben Infizierten (122.000 in Europa) ist ahnungslos. Und hier liegt die Krux begraben: Nur eine rechtzeitige Diagnose und eine entsprechende Behandlung machen ein langes und verhältnismäßig gutes Leben mit HI-Virus überhaupt möglich und verhindern den Ausbruch von Aids im Vollbild. Vier Jahre dauert es im Durchschnitt, bis jemand von seiner eigenen HIV-Infektion erfährt. Zeit, die über Erfolg und Misserfolg, im Extremfall über Leben und Tod, entscheiden kann – auch in Tirol.

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Die Zahl der Neuinfektionen zeugt von immer noch nicht flächendeckend vorhandenem Risikobewusstsein: 2015 infizierten sich in Tirol „offiziell“ 33 Personen mit dem HI-Virus, 2014 waren es 32. Die Aids-Hilfe Tirol rechnet auch heuer wieder mit rund 30 Neu-Diagnosen. Österreichweit waren es laut Gesundheitsministerium im Vorjahr 428, europaweit etwa 30.000. Über die Hälfte (54 Prozent) der frisch Diagnostizierten sind übrigens Menschen, die nicht ahnten, dass sie HIV-positiv sind.

Nicht nur Homosexuelle und Drogenabhängige betroffen

Der Irrglaube, dass HIV Homosexuellen oder Drogenabhängigen vorbehalten ist, scheint sich hartnäckig zu halten. Er führt dazu, dass die Erkrankung nach wie vor ein gesellschaftliches Tabuthema ist, das keinen Platz in der Mitte der Gesellschaft hat. Dabei ist sie dort längst angekommen.

Das Parlament in Wien wurde anlässlich des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember mit der "Red-Ribbon-Schleife" gschmückt. Sie gilt als Symbol der Solidarität mit HIV-Infizierten und AIDS-Kranken.
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Laut ECDC ist zwar ist die häufigste Übertragungsart nach wie vor der (ungeschützte) Sex zwischen Männern (42 Prozent), direkt an zweiter Stelle folgt jedoch die Übertragung über heterosexuelle Kontakte mit 32 Prozent.

Vier Prozent der Infektionen entstehen durch die Nutzung gebrauchter Spritzen. Weniger als ein Prozent der Übertragungen erfolgt von der Mutter auf ihr Neugeborenes. Bei den restlichen Betroffenen bleibt der Ansteckungsweg im Dunkeln.

Wer sich infiziert hat, den drängt die Angst und Unwissenheit der Mitmenschen unweigerlich an den Rand der Gesellschaft. Viele Betroffene sehen sich mit Diskriminierung in der Öffentlichkeit konfrontiert und haben vor allem mit den psychologischen Folgen einer Infektion zu kämpfen. „Der gesellschaftliche Umgang mit HIV hat mit der medizinischen Entdramatisierung nicht Schritt halten können“, stellte Fritz Aull von der Aid-Hilfe Tirol vergangene Woche auf einer Pressekonferenz fest.

Test bringt Klarheit

Um eine HIV-Infektion zu verhindern und um den Betroffenen das Leben zu erleichtern, sind Aufklärung und Prävention unabdingbar. In Tirol kämpft die Aids-Hilfe seit vielen Jahren genau dafür. Allein von Jänner bis Oktober in diesem Jahr wurden beispielsweise 110 schulische und außerschulische Präventionsveranstaltungen organisiert (mehr auf www.aidshilfe-tirol.at ). Der Bedarf nach Hilfe und Information scheint enorm, wie die Zahlen belegen. 1313 Mal beriet der Verein telefonisch Betroffene und 2776 Mal kam es zu persönlichen Gesprächen.

Klarheit über eine HIV-Infektion kann schlussendlich aber nur ein Test bringen. „Es muss mehr unternommen werden, um Menschen, die ohne es zu wissen mit HIV leben, zu ermutigen, einen HIV-Test zu machen“, so die Aids-Hilfe Tirol in einer Aussendung. 613 Personen machten diesen (anonymen und kostenlosen) Test 2016 bei der Aids-Hilfe Tirol, einer fiel positiv aus. In so einem Fall steht der Verein, für den ein Team aus Ärzten, Therapeuten, Sozialarbeitern und Psychologen arbeitet, beratend zur Seite und bietet Hilfestellung.

Begriffsklärung

HIV dient als Abkürzung für Humanes Immundefizienz- bzw. Menschliches Immunschwäche-Virus. Unbehandelt kommt es zu AIDS.

AIDS

steht für Acquired immunodeficiency syndrome - also „Erworbenes Immundefektsyndrom“. Im französischen Sprachraum wird es als SIDA bezeichnet. Vermehrt sich das HI-Virus unbehandelt im Körper, treten bestimmte Infektionen oder bösartige Tumoren auf und die Diagnose AIDS wird gestellt. Die Zeit, in der sich das Virus im Körper der Betroffenen vermehrt, ohne AIDS zu entwickeln, beträgt im Schnitt neun bis elf Jahre (bei manchen Patienten nur wenige Monate, bei anderen Jahrzehnte).

Übertragen

wird das HI-Virus durch Körperflüssigkeiten (Blut, Sperma, Vaginalsekret, Liquor und Muttermilch). Die Ansteckung erfolgt hauptsächlich durch ungeschützten Geschlechtsverkehr. Möglich ist auch eine Übertragung von Mutter auf Kind während der Schwangerschaft, eine Übertragung durch Bluttransfusionen und durch gebrauchte Nadeln/Kanülen.

Nicht übertragen

wird HIV über Speichel, Schweiß, Tränenflüssigkeit, Tröpfcheninfektion oder Insektenstiche. Kommt gesunde Haut mit virushaltiger Körperflüssigkeit in Kontakt, besteht kein Risiko. Körperkontakte im Alltag, die gemeinsame Nutzung von Geschirr oder sanitären Einrichtungen stellen kein Infektionsrisiko dar.

Laut Schätzungen

sind in Europa etwa 2,5 Millionen Menschen mit HIV infiziert.


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