ÖSV-Abfahrtstrainer Winkler: „Ohne Vertrauen geht gar nichts“

ÖSV-Abfahrts-Cheftrainer Florian Winkler stand aufgrund ausbleibender Erfolge in der Kritik. Wie der Tiroler damit umging, wo er an Grenzen stieß und warum es Teamleader wie Hannes Reichelt braucht.

Im Vorjahr gab es mehr zu analysieren, als einem lieb sein konnte: Romed Baumann und ÖSV-Abfahrtscheftrainer Florian Winkler.
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Wenn Sie Ihr Bauchgefühl von heute mit jenem vor einem Jahr vergleichen ...

Florian Winkler: ... dann sehe ich keinen großen Unterschied. Wir hatten erneut eine richtig gute Vorbereitung und ich bin durchaus positiv eingestellt.

Was freilich keine Garantie für eine erfolgreiche Saison darstellt, wie Sie aus bitterer Erfahrung wissen. Erstmals seit 2009/2010 bilanzierten die ÖSV-Abfahrer im vergangenen Winter ohne Weltcupsieg?

Winkler: Es ist einfach zu viel Negatives zusammengekommen. Wir hatten über die Saison sieben Verletzte, das soll keine Ausrede sein, aber dennoch ist es ein Fakt, den man nicht wegleugnen kann. Unabhängig davon sind wir vor Weihnachten hinter unseren Möglichkeiten geblieben, haben dann in Santa Caterina gezeigt, dass wir es können, in Wengen mit den Plätzen zwei und drei (Reichelt, Kröll, Anm.) nachgelegt, ehe uns Kitzbühel definitiv das Genick gebrochen hat. Binnen weniger Tage haben wir Franz, Reichelt, Streitberger und Scheiber verloren – da war dann nicht mehr viel zu machen.

Wie meinen Sie das?

Winkler: So oft es zuvor nicht wunschgemäß gelaufen ist, so oft haben wir die Jungs gepush­t. Unter dem Motto: Aufstehen, Schaum wegwischen und wieder Vollgas. Nach Kitzbühel haben wir zwar alles Mögliche versucht, aber viele nicht mehr erreicht. Da war die allgemeine Verunsicherun­g einfach zu groß.

Und nirgendwo schlägt sich die Verunsicherung stärker nieder als in der Abfahrt?

Winkler: Irgendwie logisch. Ich will die Leistung eines Slalomfahrers keinesfalls schmälern, aber im Stangenwald hat ein Fehler in der Regel überschaubare Folgen. Wenn du aber mit 120 oder 130 km/h einen Abflug machst, dann landest du im besten Fall im Netz. Nur wer im Training und insbesondere in den Rennen an die Grenzen und darüber hinausgeht, kann ganz vorne mitfahren. Und das geht nur, wenn du es dir auch zutraust. Da kann man jemandem noch so gut zureden, wenn irgendwo Zweifel sind und sei es im Unterbewussten, dann wird das nichts. Ohne Vertrauen, ohne Selbstvertrauen geht gar nichts.

Ein anderes ungeschriebenes Gesetz des Spitzensports: Bleiben die Erfolge aus, haben die Kritiker Hochkonjunktur.

Winkler: Das gehört dazu, das war mir klar, als ich diesen Job angetreten habe. Was ich aber nicht mag, ist, wenn die Wortmeldungen unter der Gürtellinie sind. Auf die Meinungen von Möchtegern-Analysten gebe ich nichts. Läuft es gut, klopfen sie dir die Schultern blau, läuft es nicht, dann sind die meisten weg oder melden sich mehr oder weniger unqualifiziert zu Wort.

Wen meinen Sie damit? Ehemalige Fahrer, Trainer oder die Medien?

Winkler: Egal, für meinen Geschmack gibt es zu viele Leute, die einfach g’scheit daherreden, ohne Hintergründe zu kennen. Die Behauptungen aufstellen, die einfach nicht stimmen. Oft wird einfach vergessen, wie komplex diese Materie ist. Ich lade jedenfalls jeden herzlich ein, bei unseren Trainings dabei zu sein.

Ganz ohne Kritik und Häme – wenn es für Österreichs Ski-Herren vergangenen Winter in den Speeddisziplinen nur zu einem Super-G-Erfolg gereicht hat, kann man nicht zur Tagesordnung übergehen.

Winkler: Sind wir auch nicht. Das Kraft- und Konditionstraining haben wir in den Olympia-Stützpunkten (Innsbruck, Dornbirn, Salzburg, Klagenfurt, Seeboden, Anm.) möglichst regional und gruppenübergreifend organisiert. Wir haben die Sommercamps auf Schnee in Zermatt und Chile ausgedehnt, waren seit Langem wieder in Saas-Fee, um neue Reize zu setzen, und erst zuletzt verstärkt in Österreich.

Dazu hat man mit Werner Franz einen Abfahrtshaudegen ins Trainerteam geholt. Wie sieht sein Jobprofil aus?

Winkler: Der Wörni ist hauptsächlich Ski- und Techniktrainer und kann natürlich in vielerlei Hinsicht seine Erfahrung einfließen lassen. Dazu arbeitet er noch verstärkt individuell mit Leuten wie Max Franz oder Oti Striedinger.

Wenn wir schon bei Personalien sind: Hannes Reichelt wird am Mittwoch beim ersten Abfahrtstraining in Val d’Isère dabei sein. Nur etwas mehr als zwei Monate nach seiner Operation am Lendenwirbel. Ist sogar ein Rennstart denkbar?

Winkler: Erst einmal ist es super, dass er schon wieder fit ist. Wir brauchen Leute wie den Hannes, wir brauchen starke Männer an der Front. Daran können sich die anderen orientieren. Hannes hat mit Martin Sprenger, der eigens für ihn abgestellt war, zuletzt große Fortschritte gemacht. Ziel muss es sein, dass er im Jänner zu hundert Prozent da ist. Wenn er sich im Training in Val d’Isère gut fühlt und auch die Rahmenbedingungen passen, dann wird er die Rennen fahren.

Das Gespräch führte Max Ischia


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