Mit 70 fängt das Perchtenleben erst an

Sechs Jahrzehnte lang ist Fred Steiner (70) bereits als Perchte unterwegs. Ihm und seinen ebenfalls altgedienten Kollegen der Angerberger Feuerwehrpass sind Inszenierungen und Pyrotechnik fremd. Ihnen geht’s ums Brauchtum.

Bürgermeister Walter Osl (l.) und Altvizebürgermeister Fred Steiner sind begeisterte Perchten.
© Haun

Angerberg –Wenn es um den Nikolauseinzug und das große Perchtentreffen geht, verstehen die Angerberger keinen Spaß. So genannte Fellteufel, Pyrotechnik und moderne Teufelmasken mit Riesenhörnern seien nicht nur nicht gerne gesehen, sondern von vornherein ausgeschlossen. So wird es auch kommenden Montag sein. 13 Gruppen haben sich angekündigt, darunter auch die älteste des Ortes – die Feuerwehrpass. Unter den finsteren Gesellen ist auch Altvizebürgermeister Fred Steiner (70). Ein Urgestein des Perchtenlaufens, der seit seiner Volksschulzeit im Jahre 1956 mitmacht. Viele Dienstjahre auf dem Perchtenbuckel hat auch sein Kamerad Hans Happacher (62), der seit 1963 dabei ist und auch heuer mitmacht. Auch der Angerberger Bürgermeister Walter Osl (56) treibt seit Ende der 1960er-Jahre zur Nikolauszeit immer wieder als Perchte sein Unwesen. Heuer wird er aber pausieren.

Die Begeisterung ist nicht verwunderlich, stammen sie doch aus der Urheimat der Perchten. „Seinen Ursprung hat der Brauch auf dem Rücken der so genannten ,Maiskochinsel‘, dem Angerberg, mit den Gemeinden Breitenbach, Angerberg und Mariastein“, erklärt Osl die Verbundenheit seiner Gemeinde mit diesem Brauch. „Ursprünglich haben die Perchten den eisigen Winter zu besänftigen versucht und um eine reiche Ernte im kommenden Jahr gebeten“, wissen alle drei Passenmitglieder. Der Brauch sei nie als effektgeladene Show gedacht und Steiner erinnert sich an sein erstes Jahr, vor genau 60 Jahren: „Als Kleidung haben wir etwas Abgetragenes genommen, das wir sonst nicht mehr verwenden konnten. Daran wurden dann höchstens zehn Bratschen befestigt und das Gesicht mit Ruß vollgeschmiert, denn Masken waren damals nicht sehr verbreitet.“

Happacher und Osl erinnern sich, dass es früher üblich war, sich eine Maske aus Pappendeckeln anzufertigen. „Wir haben uns damals unsere Masken selber ausgeschnitten, sie schwarz angemalt und eine große Zunge sowie Zähne daraufgeklebt“, erzählt Osl. „Einmal hab’ ich meine Papiermaske einen Tag vor dem Perchtenlaufen aus dem Keller geholt und sie war von Mäusen zerfressen, deshalb musste ich mir eine ausleihen“, erinnert sich Happacher schmunzelnd. Die traditionellen Holzmasken kamen erst spät auf und Steiner erinnert sich: „Der erste Maskenschnitzer war Otto Ehrenstrasser aus Angerberg. Er hat Anfang der 1950er-Jahre angefangen und seine allererste Maske existiert bis heute.“

Höllische Zeiten

4. Dezember: Bereits zum vierten Mal veranstaltet der SV Kirchbichl vor dem Sportplatz das „SVK-Perchtentreffen". Am Sonntag, den 4. Dezember, werden von 16 bis 22 Uhr sieben Perchten-Passen ihre spektakulären Auftritte hinlegen. Auch in Hinterthiersee gibt es ab 15 Uhr ein großes Perchtentreffen.

5. Dezember: Die Perchten sind am Vormittag in Kufstein unterwegs. Neben zahlreichen Nikolaus­umzügen in den verschiedensten Orten sind in Angerberg ab 18 Uhr auch an die 13 Perchtengruppen zu sehen.

Allerdings waren diese Masken damals sehr teuer und Osl erinnert sich, dass seine über 2000 Schilling kostete. Bares auf ihren Touren zu bekommen, war damals für die Perchten auch nicht üblich: „Meistens haben wir viel Obst und Kekse bekommen“, sagt Steiner, erst Ende der 1960er-Jahre gab es öfters Geld. Eingesammelt und aufgeteilt wurde das Geld immer von der Hexe und zu einer Pass gehörten zusätzlich Trommler, Glockenhüpfer und Bockhornbläser.

Ein wahres Perchten-Original, das bis heute bekannt ist, ist Osls Großvater Sepp Sandbichler aus Mariastein, besser bekannt als „Bäckn Sepp“. Dieser wurde im Jahre 1887 geboren und war mit weit über 80 Jahren noch immer als Perchte unterwegs. „Er hat den Brauch an die Jungen weitergegeben. Es war eine Ehre, mit ihm gehen zu dürfen“, sind sich die drei einig. „Zufällig hatte er sogar am 6. Dezember Geburtstag, das hat ihn wohl zusätzlich motiviert, über 70 Jahre lang mitzumachen“, erinnert sich sein Enkel.

Seitdem hat sich der Brauch stark verändert. Früher war es für die Perchten zum Beispiel selbstverständlich, leise an der Kirche vorbeizugehen, das mache heutzutage fast keiner mehr. Von modernen Fellteufeln mit gruseligen Masken und ihren endlos langen Hörnern sowie effektbeladener Pyrotechnik halten die drei traditionsgetreuen Perchten absolut nichts. „Dass bei den Auftritten der derzeitigen Krampusgruppen und mancher Perchtenpassen sogar abgesperrt werden muss, hat mit dem Brauch nichts mehr zu tun und bei den langen Hörnern muss man ja Angst haben, dass etwas passiert“, betont Steiner. „Dieses Spektakel ist reine Show, um mehr Zuschauer zu bekommen“, fügt Happacher an. Einig sind sie sich auch, was die Horrorclowns anbelangt. „Wir hoffen, dass sich das mit den Horrorclowns nicht ausbreitet und schnellstmöglich wieder aufhört. Die Jungen sollten wieder auf unsere heimischen Bräuche zurückkommen und nicht den Amerikanern alles nachmachen.“ In diesem Sinne werden Steine­r und Happacher in ihre Kostüme schlüpfen und auch am Montag wieder die Tiroler Traditio­n pflegen. (fh)


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