Tabogas schweres Foul am Fußball: „War zu jung, zu naiv, zu dumm“

Drei Jahre nachdem der Wettskandal den österreichischen Fußball im November 2013 in seinen Grundfesten erschüttert hat, präsentiert mit Dominique Taboga eine der damaligen Hauptfiguren ihr Buch.

Dominique Taboga.
© gepa

Sie präsentieren dieser Tag­e Ihr Buch, das sich auch mit Ihrer Beteiligung am Fußball-Wettskandal beschäftigt. Wie geht es Ihnen dabei?

Dominique Taboga: Es ist nicht Neues für mich. Ich bin immer offen mit dem Fehler umgegangen und habe mich nicht versteckt. Alles niederzuschreiben, war sehr emotional.

Dient das Buch auch der persönlichen Aufarbeitung?

Taboga: Auf jeden Fall. Ich möchte einen persönlichen Abschluss finden. Ganz geht es ohnehin nicht, weil meine Strafe noch offen ist

Wie sieht in diesem Zusammenhang der Zeitplan aus?

Taboga: Das Urteil ist seit 11. Mai rechtskräftig, ich warte auf den Haftantritt. Den Bescheid für die bedingte Haft habe ich bekommen. Jetzt hoffe ich, dass jener für die unbedingte bald kommt.

Also soll überspitzt formuliert eine Fußfessel unter dem Weihnachtsbaum liegen?

Taboga: Das kann man so sagen. Wenn ich die Fußfessel dann nach zehn Monaten ablegen darf, kann mein zweites Leben beginnen.

Ihr Buch trägt den Titel „Schweres Foul“. Wen haben Sie damals am schwersten gefoult?

Taboga: Angefangen bei meine­r Familie, meine damalige Frau, meine Eltern, meine besten Freunde, und natürlich auch Fans, Mitspieler und den ganzen Verein. Ich weiß ganz genau, dass ich sie alle belogen und betrogen habe.

Wie ist es zum ersten Kontakt mit der Wettmafia gekommen, und vor allem warum?

Taboga: Durch einen ehemaligen Mitspieler in Leoben. Wir waren zu viert und haben auch abseits des Trainingsplatzes jede freie Minute miteinander verbracht. Dann ist das Gespräch und das Angebot einfach gekommen.

Haben Sie es aus finanziellen Gründen angenommen?

Taboga: Ich hatte keine Schulden, aber Geld war schon der Antrieb. Mein Bild von einem Profi war ein anderes. Man sieht immer Bilder von einem schönen Leben mit tollen Autos und Häusern. Und dann hab’ ich einen Vertrag unterschrieben, bei dem ich mit Prämien auf knapp 2000 Euro gekommen bin. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das ist für einen 21-Jährigen kein schlechtes Gehalt. Aber dann werden dir 7000 Euro für ein Spiel angeboten. Da war ich zu jung, zu naiv, zu dumm, und habe Ja gesagt.

Wie schafft man es, sein Gewissen zur Seite zu stellen?

Taboga: Ich hab’ über lange Zeit in zwei Welten gelebt. Da die heile mit der Familie und der schönen Fußball-Welt. Dort die zweite, dunkle mit Manipulation.

Das Buch

Taboga erzählt über sein Leben als Fußballprofi, über Wettbetrug, Schwarzgeld und Doping, über Ehe, Familie, Selbstmordabsichten, Scheidung, und darüber, was er gelernt hat.

Schweres Foul.

D. Taboga; egoth-Verlag. 232 Seiten, 24,90 Euro.

Wie agiert man auf dem Spielfeld, um nicht in Verdacht zu geraten?

Taboga: Bis zur ersten misslungenen Manipulation waren es immer Spiele David gegen Goliath. Zum Beispiel: Leoben zuhause gegen Ried. Wir waren als Sechster in der Kiste, Ried hat noch um den Aufstieg gespielt. Nach zehn Minuten bekam Ried wegen eines Handspiels eines Verteidigers, der nicht involviert war, einen Elfmeter. Ausgegangen ist die Partie 3:1 für Ried. Wir hatten das Ziel erreicht, ohne dass wir etwas beitragen mussten. Du bist einfach als Sicherheit auf dem Platz gestanden. Wäre es eng geworden, solltest du einmal die Abseitsfalle auflösen oder viele Fouls rund um den Sechzehner machen.

Das heißt ähnlich wie beim Zocken nimmt man zuerst wenig Risiko und dann immer mehr ...

Taboga: Ja, du fängst ganz normal an und schaust dir den Spielverlauf an.

Gab es damals Momente, in denen Sie um Ihr Leben gefürchtet haben?

Taboga: Ich war nach Treffen mit diversen Hintermännern immer froh, wenn ich wegfahren konnte. Es wäre leichter zu verkraften gewesen, wenn es nur um mich gegangen wäre. Aber meine damalige Frau und meine Kinder wurden bedroht. Da hast du viele schlaflose Nächte. Dann wird dir gedroht: Wir wissen eh, wann du Training hast, dann besuchen wir deine Frau. Dann rufst du nach dem Training deine Frau an, und sie geht nicht an das Telefon. Da gab’s viele Momente, die schrecklich waren.

Sind Sie auch körperlich attackiert worden?

Taboga: Ich bin schon das eine oder andere Mal am Krawattl gepackt worden und habe auch einen Schlag in die Magengrube von Sanel Kuljic bekommen. Dass es vielleicht Rachegedanken von dem ein oder anderen gibt, kann sein. Aber ich schlafe gut und ich drehe mich auf der Straße nicht ständig um.

Geistert die Person Sanel Kuljic noch durch Ihre Gedankenwelt?

Taboga: Er wird leider immer ein Teil meines Lebens bleiben. Wie er die Geschichte vor Gericht angegangen ist, möchte ich nicht beurteilen. Aber aus meiner Sicht hat es nur einen Weg gegeben: Das war die Offensive. Ich möchte ihn auch nicht verurteilen. Kuljic ist auch nicht für meine Fehler zuständig.

Haben Sie sich vom Zocken inzwischen komplett distanziert?

Taboga: Ich werde nie wieder wetten, das habe ich mir geschworen. Direkt kannst du aber keinen Bogen darum machen. Jeder Verein ist gesponsert, die Zeitungen sind voll mit Werbeanzeigen.

ÖFB-Teamchef Marcel Koller wirbt für einen Wett­anbieter, die höchste österreichische Liga trägt sogar den Namen eines solchen. Erkennen Sie eine Doppelmoral?

Taboga: Ja. Ich habe für den Verein „Fair Play Code“ einen Werbespot gedreht, der vor Wettbetrug warnt. Der hätte in den Stadien ausgestrahlt werden sollen. Der Wille der Bundesliga war da. Aber 19 von 20 Vereinen haben das abgelehnt, weil sie mir keine zusätzliche Plattform bieten wollten. Und gerade mein letzter Verein (SV Grödig, Anm.) ist aus meiner Sicht ein Paradebeispiel. Christian Haas (Manager, Anm.) hat sich, als die Geschichte mit dem Wettskandal herausgekommen ist, sehr über mich aufgeregt. Zur neuen Saison wurde dann ein Wettanbieter als Hauptsponsor präsentiert. Die Wettindustrie investiert viel Geld in den Fußball. Vielleicht wird deswegen zu wenig gemacht.

Der größte Verlust war sicher der Ihrer ersten Familie ...

Taboga: Dass ich sie in Gefahr gebracht habe, werde ich mir nie verzeihen. Dass die Beziehung mit meiner Ex-Frau in die Brüche gegangen ist, hat ja auch direkt mit damals zu tun. Obwohl sie immer zu mir gestanden ist. Irgendwann hat sie keine Energie mehr gehabt. Das ist ganz klar. Ich sehe meine Kinder jedes zweite Wochenende und auch unter der Woche. Ich bin froh, dass die Kinder noch sehr klein waren. Irgendwann werde ich ihnen aber die ganze Story von ihrem Papa erzählen.

Das Gespräch führten Tobias Waidhofer und Alex Gruber


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