Rudolf Buchbinder: „Nichts Schöneres, als auf der Bühne zu sterben“

Wien (APA) - Der große Rudolf Buchbinder feiert am morgigen Donnerstag seinen 70. Geburtstag - mit einem Philharmoniker-Konzert im Wiener Mu...

Wien (APA) - Der große Rudolf Buchbinder feiert am morgigen Donnerstag seinen 70. Geburtstag - mit einem Philharmoniker-Konzert im Wiener Musikverein, dem sich am Freitag eine Feierstunde mit Altbundespräsident Heinz Fischer und Zubin Mehta anschließt. Die APA sprach aus gegebenem Anlass mit dem Starpianisten über seine Lust zu feiern, die Rolle des Bundeskanzlers bei seiner Karriere und sein erhofftes Ende.

APA: Feiern Sie Geburtstage gerne?

Rudolf Buchbinder: Das hat mit einem Geburtstag nichts zu tun - ich feiere überhaupt gerne.

APA: Zugleich müssen Sie an Ihrem Geburtstag arbeiten...

Buchbinder: Das ist ja freiwillig. Aber ich werde als Zugabe nicht „Happy Birthday to Me“ spielen (lacht).

APA: Abseits Ihrer Wiener Auftritte waren Sie seit dem vergangenen Monat unter anderem in Japan, Russland, Deutschland, Kanada und den USA. Ist das Reisen für Sie lästige Pflicht oder immer noch eine Freude?

Buchbinder: Ich bin kein Vielspieler - es gibt Kollegen, die doppelt so viel spielen wie ich. Ich schlafe im Flugzeug, das ist unser Verkehrsmittel. Und dann habe ich nach wie vor Perioden, drei, vier Mal pro Jahr, in denen ich das Klavier nicht anrühre. Das Schlimmste für mich sind zwei Wochen mit sieben Konzerten. Die Tage dazwischen sind nicht Fisch, nicht Fleisch. Ich spiele lieber in acht Tagen sieben Konzerte und habe dann Urlaub.

APA: Sie sind also ein Mann der Extreme?

Buchbinder: Nein, ein Mann des Praktischen. Ich kenne schon alle Museen der Welt...

APA: Wie wichtig ist bei diesem Lebensstil Ihre Frau Agnes, die ja einst selbst Pianistin war?

Buchbinder: Für mich ist sie essenziell. Wir hatten voriges Jahr die Goldene Hochzeit. Meine Frau lebt mit meinem Beruf, mir, meinen Kindern. Sie opfert sich auf. Und sie kommt sooft als möglich mit. Sie hat vom Moment unserer Eheschließung an selbst das Klavier nicht mehr angerührt - sie wollte nicht. Dabei hätten wir Plattenverträge für vierhändige Aufnahmen haben können. Sie ist aber keine Selbstverwirklicherin.

APA: Sie selbst haben bereits mit fünf Jahren zu studieren begonnen und mit neun Jahren ihr Debüt. Hatten Sie je das Gefühl, Ihre Kindheit verpasst zu haben?

Buchbinder: Nein, ich habe überhaupt nichts verpasst. Ich war leidenschaftlicher Fußballer - zum Leidwesen aller als Tormann, was für die Finger nicht ideal ist. Aber ich habe nichts ausgelassen. Gott sei Dank.

APA: Und zugleich hat der damalige Bundeskanzler Julius Raab (ÖVP) eine entscheidende Rolle in Ihrer Karriere gespielt. Wie kam das?

Buchbinder: Er war bei meinem Debüt im Musikverein. Wahrscheinlich hat ihm der kleine Bub imponiert, worauf er mich ins Bundeskanzleramt eingeladen hat. Dort hat er mich gefragt, ob er mein Firmpate sein kann und ob ich einen großen Wunsch hätte. Einerseits stand ein eigenes Klavier im Raum und andererseits die Idee, einen Privatlehrer zu haben, weil ich schon auf Reisen war. Der damalige Unterrichtsminister meinte dann, der Bub sollte in die Schule gehen - worauf Raab den Lehrer aus der eigenen Tasche gezahlt hat.

APA: Sie haben zu Ihrem 60er einmal gesagt, Ihre Technik werde besser, je älter Sie werden...

Buchbinder: Das stimmt nach wie vor. Ich übe sehr konzentriert, aber nicht sechs Stunden am Tag. Man kann mir nicht weismachen, dass man imstande ist, sich sechs Stunden am Stück zu konzentrieren. Wenn nicht der ganze Körper beteiligt ist, soll man das Klavier lieber stehen lassen und ein gutes Buch lesen. Unsere Gelenke müssen arbeiten wie bei Hochleistungssportlern. Nur hören die Hochleistungssportler mit 30 Jahren auf. Wenn man die Hände zu sehr strapaziert, macht man sich die Hände kaputt.

APA: Zugleich veröffentlichen Sie seit Jahren nur mehr Liveaufnahmen. Weshalb?

Buchbinder: Ich gehe nie mehr ins Studio. Dort fehlen drei entscheidende Dinge: Emotion, Spontanität und Nervosität. Und die sind alle wichtig. Meine Trefferquote ist relativ hoch bei einem Livekonzert.

APA: Wird bei Ihnen wie bei vielen Kollegen die Nervosität vor einem Auftritt mit zunehmendem Alter stärker?

Buchbinder: Je älter ich werde, ja. Das ist auch logisch, weil man sich selbst die Latte immer höher legt. Die eigenen Erwartungen zu erfüllen, ist das Allerschwerste. Man geht nicht mehr wie als Kind instinktiv an die Dinge heran. Das macht einen nervös. Erfahrung oder Routine gibt es in unserem Beruf nicht.

APA: In den vergangenen Jahren haben Sie etwas sehr Unösterreichisches gemacht: Sie haben drei Mal die Ehrenprofessorwürde abgelehnt. Wieso das?

Buchbinder: Ich freue mich über jeden Orden - aber nicht über den Titel Professor. Da habe ich ein gespaltenes Verhältnis. „Professor“ sagt man immer dann, wenn einem der Name nicht einfällt. Ich vermische das oft mit „Provisorisch“.

APA: Als Festivalleiter von Grafenegg haben Sie jetzt bis 2021 verlängert. Wie wichtig ist für die Programmgestaltung dort Ihr persönlicher Geschmack?

Buchbinder: Mein persönlicher Geschmack ist vollkommen uninteressant. Ich engagiere viele Künstler, die ich weder persönlich noch künstlerisch mag. Aber ich engagiere diejenigen, die in der Welt der Musik ganz oben sind. Die Creme de la creme der Musikwelt muss in Grafenegg auftreten. Und die Programme machen ohnedies die Künstler selbst, nicht ich. Ich lasse mich auch in keine Zwangsjacke stecken, sondern spiele das, was ich will.

APA: Zugleich haben Sie doch in Grafenegg ein markantes Profil etabliert, das viele Familien und die Jugend anzieht...

Buchbinder: Wir haben sicherlich auch eine gewisse Musikerziehung in Grafenegg betrieben, kommen doch rund 50 Prozent der Besucher aus Niederösterreich. Das ist auch unserer Preispolitik geschuldet. Jugendförderung bezieht sich nicht nur auf die Förderung junger Musiker, sondern auch des Publikums. Das wird immer vergessen.

APA: Und es hat Sie nie gereizt, dieses Konzept auch in einer anderen Institution umzusetzen?

Buchbinder: Nein. Es wurden mir genug angeboten. Ich bin kein Mensch der Kompromisse. Und in Grafenegg gibt es keine Kompromisse.

APA: Wie stellen Sie sich Ihr persönliches Ende vor? Sie möchten auf der Bühne sterben?

Buchbinder: Nichts Schöneres gibt es für einen Künstler, als auf der Bühne zu sterben. Es gibt bei uns ja keine Pension oder Altersvorsorge. Wir spielen bis an unser Lebensende, wenn möglich. Aber natürlich passiert, was passiert - das kann ich nicht vorhersagen.

APA: Man muss als Künstler arbeiten bis zum Umfallen?

Buchbinder: Ich verstehe das nicht als „arbeiten“. Das ist ein falsches Wort dafür.

APA: Wie würden Sie es bezeichnen?

Buchbinder: Ich spiele Klavier.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)


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