Stiefbruder 2 - Anzügliche WhatsApp-Nachrichten mögliches Motiv

Korneuburg/Wien (APA) - Fest steht allerdings, dass die Wiener Staatsanwältin und der zu Tode gekommene 42-Jährige über ihre Smartphones sei...

Korneuburg/Wien (APA) - Fest steht allerdings, dass die Wiener Staatsanwältin und der zu Tode gekommene 42-Jährige über ihre Smartphones seit Oktober 2013 bis unmittelbar vor der gegenständlichen Tat Anzüglichkeiten ausgetauscht hatten und der Angeklagte Gelegenheit gehabt hätte, diese mitzulesen. Das konnte ein von der Justiz im Ermittlungsverfahren beigezogener technischer Sachverständiger nachweisen.

Demnach nutzten der Banker und seine Ex-Frau auch nach der Scheidung einen gemeinsamen Apple-Account. Der Staatsanwältin dürfte möglicherweise nicht bewusst gewesen sein, dass ihr Ex-Mann die Möglichkeit hatte, bei ihr eingehende WhatsApp-Nachrichten mitzuverfolgen, weil ihre Anrufprotokolle und iMessages mit seinem iPhone synchronisiert wurden. Bewusst war ihr allerdings, dass der 45-Jährige sehr eifersüchtig war. Einem Polizisten, mit dem sie laut Anklage bis ins Jahr 2015 ein Verhältnis hatte, trug sie Verhaltensregeln auf, um zu verhindern, dass dieser von ihrer neuen Beziehung Wind bekam.

Es dürfte auch nicht so gewesen sein, dass sie von ihrem Ex-Mann gar nichts mehr wissen wollte. Man lebte zwar getrennt, sah sich aber weiter und verbrachte auch nach der Scheidung gemeinsame Urlaube. Ab 23. September 2015 - und damit fünf Tage nach der inkriminierten Bluttat - hatten die Staatsanwältin und ihr Ex-Mann einen zweiwöchigen Urlaub auf Mauritius gebucht.

Sie dürfte sich auch mit seinem Stiefbruder, den sie über ihren Ex-Mann kennengelernt hatte, sehr gut verstanden haben. Im Ermittlungsakt sind Chat-Verläufe der beiden dokumentiert, in denen es meistens um Belanglosigkeiten und Dinge des Alltags ging. Der 42-Jährige schrieb seiner Ex-Schwägerin aber hie und da auch Obszönitäten und anzügliche Bemerkungen, zu deren Inhalt in der Mordanklage festgehalten wird: „Beim Durchlesen dieser Nachrichten entsteht der Eindruck, dass die beiden möglicherweise ein Verhältnis hatten.“

Der Anklageschrift ist unter Berufung auf Angaben des 45-jährigen Bankers zu entnehmen, dass dieser die Staatsanwältin „nach wie vor liebt“ und es für ihn „keine andere Frau gibt“. Ob er deswegen seinem Stiefbruder im - irrtümlichen - Glauben, es handle sich um einen Nebenbuhler, nach dem Leben getrachtet hat, werden die Geschworenen im Rahmen der Hauptverhandlung, für die es noch keinen Termin gibt, zu beurteilen haben. Die Staatsanwaltschaft Korneuburg ist jedenfalls überzeugt, dass der 45-Jährige am 18. September 2015 um 0.46 Uhr aus einer Entfernung von 50 bis 70 Zentimeter seine Glock-Pistole auf seinen auf einem Barhocker sitzenden Stiefbruder angelegt und „gezielt gegen dessen Kopf gerichtet abgefeuert“ hat, wie es in der Anklageschrift heißt.

Der Angeklagte und seine Verteidiger Rudolf Mayer und Philipp Winkler haben von Anfang an von einem Unfall gesprochen. Der 45-Jährige behauptet, er habe dem Jüngeren nach einem Grillabend auf seiner Terrasse seine Pistole zeigen wollen. Dabei habe sich versehentlich ein Schuss gelöst, das Projektil sei dem 42-Jährigen in den Kopf gedrungen. Der Schütze hatte einem Gutachten zufolge zu diesem Zeitpunkt 2,2 Promille Alkohol im Blut. Für seine Anwälte hätte der Angeklagte kein Motiv gehabt, den Stiefbruder umzubringen. Sie verweisen darauf, dass der 45-Jährige, Vorstand in einer Wiener Privatbank, den Jüngeren als Fondsmanager ins selbe Institut geholt hatte. Die beiden sahen sich dort täglich, trafen sich auch außerhalb der Firma und hätten bis zuletzt ein gutes Einvernehmen gehabt, so die Verteidiger.

Für die Staatsanwaltschaft Korneuburg spricht allerdings das „zielgerichtete Nachtatverhalten“ gegen den 45-Jährigen, wie sie in ihrer Anklage deutlich macht. Demnach vergingen 15 Minuten, ehe der Schütze den polizeilichen Notruf verständigte. Zuvor klappte er laut Anklage einen Laptop zu, auf dem zum Zeitpunkt der Schussabgabe gruseligerweise das Musikvideo „Blood In My Eyes“ der Band Sum 41 lief, verstaute die Tatwaffe in einem Waffenkoffer, gab diesen in einen Safe, löschte das Telefonprotokoll seines iPhone, reinigte sich und zog sich eine frische Kapuzenjacke über.


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