Volksanwaltschaft: Österreich braucht mehr leistbaren Wohnraum

Wien (APA) - „Wohnen bedeutet mehr als ein Dach über dem Kopf“, betonte Volksanwältin Gertrude Brinek am Mittwoch vor Journalisten in Wien. ...

Wien (APA) - „Wohnen bedeutet mehr als ein Dach über dem Kopf“, betonte Volksanwältin Gertrude Brinek am Mittwoch vor Journalisten in Wien. Österreich brauche mehr leistbaren Wohnraum - Angebot und Wirklichkeit klafften weiter auseinander denn je. Das Wohnungsangebot entspreche in vielem nicht mehr den echten Bedürfnissen der Bevölkerung. Zahlreiche Beschwerden bei der Volksanwaltschaft verdeutlichten das.

„Das Leistbarkeitsproblem ist ein Problem in den Städten - speziell junge Menschen, Niedrigeinkommensbezieher und Ausländer sind vom Thema Leistbarkeit betroffen, etwa zu Studienbeginn“, berichtete Michael Klien, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo), auf der Veranstaltung „Zukunft Wohnen: Bedürfnis - Wunsch - Wirklichkeit“ der Volksanwaltschaft in Kooperation mit dem Forum Wohn-Bau-Politik. So hat sich der Anteil der Studenten, die noch bei ihren Eltern zuhause wohnen, seit 2010 auf über 50 Prozent verdoppelt. „Wir haben nicht genug kleine Wohnungen und zu viele große Wohnungen im Bestand“, so Klien.

Der Vorstand des Forums Wohn-Bau-Politik, Jörg Wippel, der auch selber seit Jahrzehnten Bauträger ist, kritisierte: „Wir haben in der Wohnrechtsgesetzgebung seit mindestens 20 Jahren einen Stillstand.“ Das gelte unter anderem für das Mietrecht und das Förderungsrecht. Es sei von der Politik mehr für die Bauwirtschaft und die Banken getan worden als für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen.

Das Grundsatzpapier zum Finanzausgleich zwischen Bund und Ländern, das seit Anfang November nach einer Verhandlungszeit von rund eineinhalb Jahren auf dem Tisch liegt, bezeichnete Wippel als „große Zäsur“ und „Chance“, eine neue Richtung in der Wohnbauförderung einzuschlagen. „Einen solchen Ansatz hat es in Österreich überhaupt noch nicht gegeben.“

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Mit 1. Jänner 2018 sollen die Bundesländer Autonomie erhalten und die Wohnbauförderbeträge neu regeln. „Die Länder haben die Macht“, so Wippel. Gleichzeitig sollen die länderweisen Bauordnungen bundesweit vereinheitlicht werden. Derzeit sind die Wohnbaustandards dem Bauträger zufolge auch „viel zu hoch“.

„Wenn wir jetzt die Bauordnungen reformieren und die Standards bedürfnisgerecht gestalten, kann man von den Baukosten mindestens 20 Prozent einsparen“, rechnete Wippel vor. Ansatzpunkte wären beispielsweise die Stellplatzverordnung, die ein bis drei Plätze pro Wohnung vorsieht, architektonisch opulente Fensterfronten, die ökologisch nicht wirklich sinnvoll seien und Allgemeinflächen für Kinder bzw. Begegnungszonen, die de facto oft nur als Abstellflächen genützt würden. „Es wäre wichtig, den Wertekatalog von Grund auf zu überarbeiten“, regte der Bauträger an.

Im geförderten Wohnbau seien die reinen Baukosten bei etwa 1.750 Euro pro Quadratmeter anzusetzen - „unter 1.500 Euro geht gar nichts mehr, über 2.000 Euro werden nicht ausgegeben“, erklärte der Bauträger.

Im österreichischen Wohnungswesen mangle es jedenfalls an Angebotsvielfalt, sagte Wippel. Die billigen Wohnungen mit WC am Gang, die es 1980 noch in relativ hoher Zahl gab, seien wegsaniert worden - es sei aber nie ausreichend Ersatz für diese günstige Möglichkeit des Wohnens geschaffen worden. Gleichzeitig räumte der Vorstand des Forums Wohn-Bau-Politik ein: „Österreich ist eines der besten wohnversorgten Länder der Welt - wir haben in Österreich Gott sei Dank keine Ghettos.“ „Und das soll auch so bleiben“, setzte er nach. Dafür müsse die Wohnbaupolitik aber gründlich überdacht werden.

„Es ist notwendig, dass die sozial Bedürftigen zu Wohnbauförderung kommen“, betonte Wippel „40 Prozent der Einkommensschwachen in Wien leben im Privathaus, 20 Prozent der Leute im geförderten Wohnbau“, verdeutlichte Wippel.


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