Ausreisen aus Deutschland in den Jihad rückläufig

Berlin (APA/Reuters) - Rund 870 Personen sind bisher aus Deutschland in den Jihad nach Syrien oder den Irak gezogen, um an der Seite islamis...

Berlin (APA/Reuters) - Rund 870 Personen sind bisher aus Deutschland in den Jihad nach Syrien oder den Irak gezogen, um an der Seite islamistischer Gruppen zu kämpfen. Eine Studie des Bundeskriminalamts (BKA), des Bundesamts für Verfassungsschutz sowie des Hessischen Informations- und Kompetenzzentrums gegen Extremismus (HKE) hat die Lebensläufe von 784 dieser Personen untersucht.

Die Auswertung gibt Auskunft über die Hintergründe der Radikalisierung. Nachfolgend zentrale Inhalte der Studie, die am Mittwoch bei der Konferenz der Innenminister von Bund und Ländern in Saarbrücken beraten wurde:

AUSREISEN:

Obwohl die Kriege in Syrien und dem Irak andauern und verschiedene dschihadistische Organisationen in der Region nach wie vor aktiv sind, ist die Zahl der aus Deutschland dorthin ausreisenden Personen stark rückläufig. Waren es zu Hochzeiten fast 100 Personen pro Monat - zuletzt im Februar 2014 - wurden zwischen Juli 2015 und Juni 2016 im Schnitt weniger als fünf Ausreisen pro Monat bekannt. Das von der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) ausgerufene „Kalifat“ entfalte „kaum mehr eine Sogwirkung“, heißt es in dem Bericht. Es seien auch keine Anzeichen dafür erkennbar, dass es in absehbarer Zukunft erneut zu massiven Ausreisebewegungen komme. Die Gefahr gilt jedoch nicht als gebannt, denn der IS rufe seine Unterstützer verstärkt dazu auf, „zu Hause“ zu bleiben und dort Anschläge zu verüben.

RADIKALISIERUNGSFAKTOREN:

Zu 572 der ausgereisten Personen liegen den Behörden Hinweise darauf vor, welche Faktoren zu Beginn der Radikalisierung mutmaßlich relevant waren. Bei 311 Personen stellten Freunde einen Radikalisierungsfaktor dar (54 Prozent). Ebenfalls eine große Rolle spielten Kontakte zu einschlägigen Moscheen (48 Prozent). Als weitere relevante Faktoren folgen das Internet (44 Prozent), sogenannte Islamseminare (27 Prozent), Koran-Verteilaktionen (24 Prozent) und die Familie (21 Prozent). Wenngleich das Internet eine wichtige Rolle spielt, findet die Radikalisierung den Behörden zufolge überwiegend im realen sozialen Umfeld statt. Dies gilt vor allem für Regionen mit einer aktiven salafistischen Szene.

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FAKTEN ZU AUSGEREISTEN:

Vier von fünf Ausgereisten (81 Prozent) haben einen Migrationshintergrund. Die Personen waren zwischen 13 und 62 Jahre alt, der Mittelwert liegt bei 25,8 Jahren. Der Anteil an Minderjährigen ist gestiegen und macht inzwischen 16 Prozent aus. 79 Prozent der ausgereisten Personen waren Männer, 21 Prozent Frauen. Fast alle Ausgereisten (96 Prozent) werden dem salafistischen Spektrum zugerechnet.

ZEITPUNKT DER RADIKALISIERUNG:

Zu 370 Personen liegen den Behörden Informationen über den Zeitpunkt des vermutlichen Beginns ihrer Radikalisierung vor. Dieser fällt bei dem mit Abstand größten Teil von ihnen in die Zeit zwischen dem Ausbruch des Konflikts in Syrien im Frühjahr 2012 und der Ausrufung des Kalifats durch den IS Ende Juni 2014 (55 Prozent). Zwischen den Anschlägen in den USA im September 2001 und dem Ausbruch des Syrien-Konflikts begann die Radikalisierung von einem Drittel (32 Prozent) der Personen.

MITWISSER:

Sofern die Ausreiseabsicht dem Umfeld des Betroffenen vorab bekannt gewesen ist, waren meist Freunde (43 Prozent und erst mit deutlichem Abstand Familienangehörige (29 Prozent) in die Planungen eingeweiht.

ISLISTISCHE GRUPPEN:

Zu über der Hälfte der Ausgereisten (409 Personen) liegen Informationen darüber vor, dass sich diese einer islamistisch-dschihadistischen Gruppierung in Syrien oder im Irak angeschlossen haben. Eine klare Mehrheit von 80 Prozent schloss sich dem IS an, weit kleinere Teilgruppen wiederum den Milizen Jabhat al Nusra (acht Prozent) oder der Junud al Scham (sechs Prozent).

RÜCKKEHRER:

Zum Stichtag der Erhebung Ende Juni befanden sich von den 775 Personen, zu denen Informationen zum aktuellen Aufenthalt vorlagen, mehr als ein Drittel (37 Prozent) weiter in Syrien oder im Irak. Mit 274 Personen hielt sich ein weiteres Drittel (35 Prozent) wieder in Deutschland auf, wobei knapp zwölf Prozent inhaftiert waren. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden wurden 16 Prozent als vermutlich verstorben registriert. Weitere elf Prozent hielten sich entweder im Ausland außerhalb Syriens oder des Irak auf oder es lagen zu ihrem Ort keine Informationen vor.

Die Gründe für die Rückkehr sind nur bei etwas mehr als der Hälfte der 274 Rückkehrer bekannt. Zehn Prozent gelten als desillusioniert oder frustriert, und weitere zehn Prozent sind aufgrund des Drucks der Familie oder anderer Personen des sozialen Umfeldes zurückgekehrt. Bei acht Prozent gehen die Behörden von einer taktisch motivierten Rückkehr aus, etwa um sich zu erholen oder um neue Ausrüstung oder Geld zu besorgen, mit dem der Kampf in Syrien oder dem Irak weitergeführt oder unterstützt werden soll. Bei sechs Prozent der Fälle wird davon ausgegangen, dass sie wegen Krankheit oder gesundheitlicher Probleme zurückkehrten. Ein Viertel der Rückkehrer kooperiert mit den Sicherheitsbehörden.


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