„Ich muss immer zu allem verführt werden“

Otto Schenk ist in „Liebe möglicherweise“ wieder auf der großen Leinwand zu sehen. Ein Gespräch über Film, Opernregie und Formuliersucht.

Michael Kreihsls Episodenfilm „Liebe möglicherweise“ zeigt das Lebensmosaik des modernen Großstädters. Otto Schenk spielt darin nicht „nur“ Otto Schenk. Mit seinem außergewöhnlichen Neujahrskonzert ist er am 4. Jänner im Innsbrucker Congress.
© WEGA-Film

Im Film „Liebe möglicherweise" spielen Sie einen alten Witwer, der einmal eine Berühmtheit war, aber inzwischen einsam und zunehmend vergesslich ist und kaum mehr eine Beziehung zu seinem Sohn hat. Wie waren die Dreharbeiten mit Michael Kreihsl?

Otto Schenk: Der Michi führt so, dass man den Leuten die Gedanken ablesen kann. Wir beide sind ja Gegner des Darstellens, sind eher für das Verheimlichen der Gefühle. Doch im richtigen Moment geht, sitzt und schaut der Mensch eben so, dass man erraten kann, was er denkt. Ganz anders als bei der Oper.

Sie haben viel Oper inszeniert. Wie meinen Sie das?

Schenk: In der Oper spielt ja die Geige. Und das Cello. Das Geschehen wird auch durch das Cello getragen. Michi Kreihsl aber muss ohne Cello auskommen, er führt das Publikum mit der Kamera zu Sicherheit und richtigem Zuschauen. Und, muss ich sagen, mit genial bescheidener Bildführung ohne Schweinwerfer.

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Der Film heißt „Liebe möglicherweise". Wie würden Sie Liebe mit der Erfahrung von achteinhalb Jahrzehnten definieren?

Schenk: Zu Liebe fällt mir gar nichts ein. Das ist ein solcher Überbegriff. Man kann nicht an sich, sondern muss e t w a s lieben. Luft oder Meer oder Berge oder seinen Schrebergarten. Und das ist jedes Mal anders, so, wie auch jeder Tag anders ist. Und man muss dazu auch eine gewisse Begabung haben.

Wie ist das bei Ihnen?

Schenk: Ich weiß es nicht. Ich bin kein Fachmann, was meine Begabungen betrifft. Ich habe meine Wünsche immer den Begabungen vorausgeschickt. Und da hatte ich wohl Glück. Man hat mich stets im richtigen Moment überschätzt.

Immerhin führen Sie seit 60 Jahren mit Ihrer Frau Renée eine sehr konstante, skandalfreie Ehe. Wie schafft man das?

Schenk: Bei uns ist eben die Unentbehrlichkeit gewachsen — und hat 60 Jahre gehalten. Es herrscht eine unbeschreibliche Zärtlichkeit und ständige Versöhnungsgier nach jedem kleinen Krach. Das hat dazu geführt, dass wir während der ganzen Zeit unserer Ehe nie bös' schlafen gegangen sind. Schon allein auch deswegen, weil ich mich wie ein Sandler canossamäßig in ihr Herz „zuchigewutzelt" habe.

In „Liebe möglicherweise" ist die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn sehr berührend gezeichnet.

Schenk: Ja, die beiden sind nicht imstande, Gefühle zuzulassen. Erst als der Sohn einen Kinnhaken fängt, kommt ein Moment, wo ihn der Vater berührt. Und in der Szene, wo der Vater stirbt, ruft der Sohn zum ersten Mal „Papa!" Voller Liebe.

Ihr eigener Sohn Konstantin ...

Schenk: ... ist die erste musikalische Instanz in meinem Leben. Ohne seinen Rat würde ich keine musikalische Entscheidung treffen. Er hat das ja studiert, führt aber derzeit noch ein zweites Leben, indem er mit seiner Herzdame Tamara Trojani ein wunderbares Lokal, das „Stöckl", betreibt. Vom Essen dort bin ich begeistert. Mir gefällt, dass er dieses zweite Leben so leidenschaftlich führt.

Sie haben sich immer vielseitig betätigt, sind auch Buchautor geworden.

Schenk: Bei mir hat das Nebengeschäft immer das Hauptgeschäft überwuchert. Ich hab' das von meinem Vater gelernt, der einst sprach: „Im Nebengeschäft musst besonders gut sein! Sonst fragen die Leute: Hat er das notwendig gehabt?" Ich war ja Schauspieler. Das Regieführen wurde mein Nebengeschäft, obwohl ich gar nicht wusste, was Regieführen überhaupt ist. Trotzdem wurde es zum wuchernden Nebengeschäft, in den USA haben sie mich immer für einen Opernregisseur gehalten und waren ganz erstaunt, als sie erstmals mitkriegten, dass ich den Frosch in der „Fledermaus" spielte. Zu einem ganz wunderbaren Nebengeschäft ist jetzt auch das Büchergebären geworden.

Sieben Bücher sind es schon ...

Schenk: Die entspringen alle meiner Formuliersucht. Ich bin ein leidenschaftlicher Formulierer. Ich könnte das auch für Grabreden verwenden, für Geburtstagsfeiern oder Ordensverleihungen. Ich könnte auch für Geld Reden halten oder für Politiker, die mich interessieren. Aber das alles geht nur, wenn es mir wirklich ein Anliegen ist.

Ist die Opernregie heute bei Ihnen abgehakt?

Schenk: Was Neues werde ich nicht mehr inszenieren, net amal mehr Auffrischungen. Aber da bin ich ja schon einmal umgefallen, mit dem „Schlauen Füchslein" und „Don Pasquale", wo ich vom Talent der Netrebko ganz b'soffen war.

Steht uns auch ein achtes Buch bevor?

Schenk: Das hängt von den Verführern ab. Ich musste immer zu allem verführt werden. Auch zum jetzigen Film. Auf jeden Fall möchte ich einen neuen Abend vorbereiten. Ich freu' mich immer, wenn mich diese Abende wohin führen und 500 Leute begeistert zuhören. Das ist, würde ich sagen, Wahlwerbung in eigener Sache.

Haben Sie noch irgendeinen besonderen Wunsch im Leben?

Schenk: Eigentlich nicht. Oder schon: dass ich nicht alle überlebe, die ich besonders liebe.

Das Gespräch führte Ludwig Heinrich


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