Zurück zu „fremden“ Wurzeln

Die Stones legen nach elfjähriger Pause ein Album mit Coverversionen vor. Die Rockband hat noch immer den Blues.

Auf der Suche nach der Vergangenheit: Die „Rolling Stones“ legen ein neues Album mit alten Blues-Nummern vor.
© APA/AFP/MARK RALSTON

Von Silvana Resch

Innsbruck –Die Stones gehen auf ihrem neuen Album zurück an den Anfang und das nicht, ohne das ganze Unterfangen zu verklären. „Als ob es uns ein höheres Wesen so eingegeben hätte“, wird ein „piratenhaft gackernder“ Keith Richards in der New York Times zitiert. In nur drei Tagen haben die Briten ihr neues Album „Blue & Lonesome“ eingespielt. Rohe, scheppernde Coverversionen von weniger bekannten Bluesstücken aus den 1950er-Jahren sind darauf versammelt. Zwölf Songs, die von Legenden wie Howlin’ Wolf, Little Walter und Jimmy Reed stammen, Vertretern des elektrifizierten Chicagoer Blues, dem urbanen Update des Sounds aus dem tiefen Süden. Ins Repertoire dieser Künstler hatten sich die Rolling Stones als blasse Teenager leidenschaftlich vertieft – und sich dabei schließlich auch ausgiebig bedient. Die Band betonte stets, keine Rock’n’Roll-Band zu sein, sie würden Blues oder R’n’B spielen.

1964 erklärte Mick Jagger in einem Interview mit dem Melody Maker: „Wir haben immer die Musik unserer R’n’B-Größen bevorzugt – Muddy Waters, Jimmy Reed und so weiter –, wir hoffen den Fans dieser Künstler das zu geben, was sie wollen.“ Eine Verehrung, die bei der schwarzen US-Presse gut ankam, wie Kulturwissenschafter Jack Hamilton in einem Beitrag fürs Magazin Slate schreibt. Die Stones wurden als „echte R’n’B-Männer“ gefeiert, während die weiße Musikpresse die Gruppe dämonisierte. In seinem Buch „Just around Midnight Rock and Roll and the Racial Imagination“ hat Hamilton Fragen von Rasse und Rock’n’Roll in den 1960er-Jahren untersucht. Der Wandel der Rolling Stones von einer Band, die durch ihre erstaunliche Kenntnis der schwarzen Musik beglaubigt wurde, zu einer Band, die bald für eine neue Form von Authentizität stehen sollte, zähle zu den bedeutendsten Wendungen in der Geschichte des Rock, so der US-amerikanische Kulturwissenschafter. Während weiße Männer für ihr Genie gefeiert wurden, wenn sie sich „fremde“ Musik aneigneten, wurden schwarze Künstler meist kritisiert, wenn sie sich aus ihren Domänen Soul und R’n’B entfernten.

Den Stones war ihre bevorzugte Situation wohl bewusst, wie ein von ihnen verfasster Beitrag für den Melody Maker in den 1960er-Jahren belegt. Darin bedauern sie, dass sie mit ihrer Aneignung von schwarzer Musik mehr Erfolg hätten, als die von ihnen verehrten Künstler. Mit den zwölf Nummern auf „Blue & Lonesome“ zollen die Stones nun den von ihnen verehrten Größen Tribut. Eine Hommage, die sie gemeinsam mit ihrem alten Kumpel Eric Clapton in den British Grove Studios in London eingespielt haben. Wäre schön, wenn das im Weihnachtsgeschäft auch ihren alten Helden zu gebührender Aufmerksamkeit verhilft.


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