Der Geruch von Vergänglichkeit

Jana Sterbak zeigt in der Innsbrucker Galerie im Taxispalais schmelzende Stühle, Kleider und Sessel aus rohem Fleisch und Schokolade sowie einen aus der Perspektive eines Hundes gedrehten Film.

© Gregor Sailer

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Der Fauteuil, den Jana Sterbak in die Hofhalle der Taxisgalerie gestellt hat, lädt nicht wirklich zum Ausruhen ein. So gemütlich das opulente Sitzmöbel auf einen ersten Blick auch daherkommen mag. Ist es doch mit Fleischstücken gepolstert, die mit Hilfe von viel Salz inzwischen komplett ausgetrocknet sind, weshalb es allein mit der Vorstellung des Ausstellungsbesuchers zu tun hat, wenn dieser Verwesungsgeruch zu wittern glaubt.

Der „Chair Apollinaire“ (1996–2015) ist eine Arbeit, die exemplarisch zeigt, wie die 61-jährige in Prag geborene und in Montreal lebende Jana Sterbak tickt. Die Vergänglichkeit, die Transformation von Prozessen, aber auch das menschliche Maß und Fragen von Identität bzw. Fremdbestimmtheit spielen in ihrer Kunst eine zentrale Rolle, vorgeführt an metaphorisch, bisweilen feministisch aufgeladenen Objekten, die jeder zu kennen glaubt. Um sie, wie ein Paar überdimensionaler Krücken oder die gehäkelte Burka, die die Künstlerin einer Schaufensterpuppe übergestülpt hat, durch das Verschieben von Maßstäblichem oder Materiellem ins Absurde, politisch Aufgeladene zu kippen.

Sterbak hat zu ihrer ersten Retrospektive in Österreich Arbeiten aus rund 30 Jahren mitgebracht. Da liegt in einer Vitrine etwa ein 1979 entstandenes Handobjekt, dessen Fingern die Künstlerin aus bunten Maßbändern gerollte „Krallen“ verpasst hat, um ihm auf diese Weise den Touch von Gefährlichkeit und Macht zu verleihen. Daneben findet sich ein eigenartig berührendes Ding, das wie ein gläserner Dildo mit langem Haarschweif daherkommt sowie eine schwere, organisch geformte Glas­skulptur mit einer kleinen, von einem Stöpsel verschlossenen Einstülpung. Gedacht als „Container“, um den sehr speziellen Schweißgeruch einer Person einzufangen.

Im Halbdunkel stehen zwei Figuren, deren Kleid bzw. Krone durch den Ausstellungsbesucher per Bewegungsmelder zum Glühen gebracht werden. Vorgeführt als reizvolles, zwischen Anziehung und Abstoßung angesiedeltes Spiel, aufgehängt an Symbolen für Macht und Ohnmacht. Bisweilen zeigt die Kanadierin aber auch Humor. Wenn sie etwa ihren Hund mit einer auf dessen Kopf montierten Kamera durch Venedig bei Hochwasser spazieren führt. Die Filme, die aus dieser ganz speziellen hündischen Perspektive entstanden sind, sind genauso in der Schau zu sehen wie das Modell des tierischen Filmers.

Auf einem großen Tisch liegt ein sehr spezielles „Planetarium“ in der Form von neun großen, von Mund geblasenen Glaskugeln. Daneben arbeitet sich „Sisyphus III“ in einem metallenen Gestell ab, ohne je an ein Ziel zu kommen. Näher an dem mythologischen Namensgeber angesiedelt ist das Objekt „Sisyphus Sport“ in der Form eines Rucksacks, der ein schwerer Stein mit Lederträgern ist. Die nur per Hilfe zu besteigende Krinoline ist dagegen als reizvolles Symbol für weibliche Selbst- bzw. Fremdbestimmung zu lesen.

Jana Sterbaks Lieblingsobjekt in der Schau stammt allerdings nicht von ihr, sondern ist eine Leihgabe aus dem Volkskunstmuseum. Der fast 350 Jahre alte, aus Zirbenholz geschnitzte und bunt gefasste „Vanitas-Handtuchhalter“ zeigt zur Hälfte eine reich geschmückte Prinzessin, zur Hälfte ein Skelett. Ein Vanitas-Symbol, das so ganz nach dem Geschmack von Jana Sterbak ist.

Und doch so ganz anders ist als jene Arbeiten, mit denen sie international bekannt wurde, die in der Schau allerdings nur durch Fotos dokumentiert sind: Performances, in denen Frauen „Kleider“ aus rohem Fleisch oder aus Schokolade tragen, die während eines langen Abends genauso eine Transformation erleben wie die langsam schmelzenden Stühle aus Eis.


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