In den Turbulenzen der Gleichberechtigung

Marie Noëlle stellt die Kampagne von 1911 gegen die Nobelpreisträgerin in den Mittelpunkt ihrer Filmbiografie „Marie Curie“.

Die akademische Laufbahn von Marie Curie (Karolina Gruszka) scheitert an neidischen Kollegen.
© Filmladen

Von Peter Angerer

Innsbruck –Als Eve Curie die Biografie über ihre 1934 verstorbene Mutter Marie Curie veröffentlichte, faszinierte Hollywood die Liebesgeschichte der polnisch-französischen Forscherin und zweifachen Nobelpreisträgerin. Und für die Darstellung dieser Physikerin und Chemikerin, die Anfang des 20. Jahrhunderts den Begriff der Radioaktivität erfunden hatte, kam nur der größte Star in Frage. „Madame Curie“ wurde für Greta Garbo geschrieben, doch die schwedische Ikone weigerte sich 1942, ihr New Yorker Apartment jemals wieder für einen Film zu verlassen. Deshalb spielte Greer Garson, der zweite MGM-Star, Marie Curie, die mit verstrahlten Fingern für ihre Forschung brannte. Aber kein Staubkorn verschmutzt in „Madame Curie“ die Kleider des Stars, im MGM-Stil wurde im Labor der Curies Pechblende zur Gewinnung des Radiums verkocht, doch das Ganze sah wie karamellisierter Zucker aus. Dutzende Filmprojekte versuchten seither, sich dieser Biografie zu bemächtigen, ohne den romantischen Aspekt in der Beziehung zwischen Marie und Pierre Curie zu vernachlässigen. Zuletzt – 1997 – spielten Isabelle Huppert und Charles Berling das Ehepaar in einer eher komödiantischen Version – bei der Suche nach Geldgebern für ihre Forschungen.

Die französische Regisseurin Marie Noëlle („Ludwig II.“) konzentriert sich in ihrem Biopic „Marie Curie“ auf eine Chronique scandaleuse, die den Lebenslauf der Forscherin stark verändert hat. In einer grandiosen Szene bringt Noëlle die leidenschaftliche Beziehung des Forscherpaares auf den Punkt. Marie Sklodowska Curie (Karolina Gruszka) und Pierre Curie (noch einmal: Charles Berling) kuscheln in der Löffelstellung. Pierre raunt ein verführerisches „Willst du?“ in das Ohr der geliebten Frau, die auf diese Einladung mit einem Leuchten in den Augen reagiert. Sie schlägt die Decke zurück, und während wir noch denken, nicht schlecht für 1906, springen die beiden aus dem Bett, schleichen am Kinderzimmer, in dem die zwei Mädchen Irene und Eve schlafen, vorbei, um sich in der benachbarten Laborbaracke der Ekstase ihrer Versuche mit Radium und Polonium hinzugeben.

Mit dem französischen Physiker Henri Becquerel waren die Curies 1903 für die „entdeckten Strahlungsphänomene“ mit dem Nobelpreis für Physik geehrt worden. Nach dem tödlichen Unfall Pierres im April 1906 muss sich Marie um ihre Familie und um ein Einkommen kümmern, das ihr in der frauenfeindlichen Welt der Wissenschaft – trotz Nobelpreis – verwehrt wird. Nach Jahren der Trauer, die sie mit täglichen Liebesbriefen an den verstorbenen Lebensmenschen bewältigt, ist es schließlich Paul Langevin (Arieh Worthalter), ein ehemaliger Assistent Pierres, der der Witwe den Weg zurück in das Leben und zu den Wonnen der Erotik zeigt. Hier schießen Marie Noëlle und ihr Kameramann Michal Englert mit Weichzeichnereffekten bisweilen über das Ziel einschlägiger Erotik hinaus, doch die Botschaft ist eine politische.

Als Marie Curie 1911 den Nobelpreis für Chemie erhalten soll, starten konservative Medien die „Affäre Langevin“, um die „Turbulenzen der Gleichberechtigung“ im Zaum zu halten. Curie wird vorgeworfen, als Jüdin und Ausländerin „eine französische Ehe zu zerstören“. Gegen die nach dem Muster der Dreyfus-Affäre geführte Kampagne solidarisiert sich Albert Einstein mit Marie Curie, die bis zu ihrem Lebensende unter den Folgen zu leiden hat. Davon hat noch nie ein Curie-Film erzählt.


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