„Sühnhaus“ - Wenn Geister und Haltungen am Schottenring spuken

Wien (APA) - Schottenring 7. Verbirgt sich hinter dieser Adresse eine verwunschene Gegend, ein Spukhaus oder doch nur die Landespolizeidirek...

Wien (APA) - Schottenring 7. Verbirgt sich hinter dieser Adresse eine verwunschene Gegend, ein Spukhaus oder doch nur die Landespolizeidirektion Wien? Was hat es mit jenem Ort auf sich, an dem einst Hingerichtete verscharrt wurden, das Ringtheater brannte und später das glücklose „Sühnhaus“ entstand? Regisseurin Maya McKechneay sucht dazu die Antworten - in einem Film, der Doku und Gruselkino zugleich ist.

Der erste Langfilm der renommierten, in München geborenen Filmkritikerin verweist im Titel auf die wohl am wenigsten bekannte Immobilie am gegenständlichen Ort: „Sühnhaus“. 1886 feierlich seiner Bestimmung übergeben, erlitt es in den letzten Kriegstagen schwere Beschädigungen und wurde später abgetragen. Doch der Reihe nach: Das Grundstück lag lange Zeit brach. In unmittelbarer Nähe befand sich jener Teil der alten Stadtmauer, der unter Elend-Bastei firmierte, sowie ein Platz, auf dem Todesurteile vollstreckt wurden. So mancher Delinquent soll anschließend am späteren Bauplatz begraben worden sein.

Der Tod machte auch später keinen großen Bogen um die Innenstadtlage - auch wenn es zunächst lustig zuging: 1872 erfolgte der Startschuss für die Errichtung der „Komischen Oper“ am Schottenring 7. Sie wurde von einer Aktiengesellschaft finanziert, die ein Theater mit 1.700 Plätzen entwarf. 1874 wurde mit Rossinis „Barbier von Sevilla“ eröffnet. Wirtschaftlich war das Unternehmen ein Flop, auch die Umbenennung in „Ringtheater“ änderte an der finanziellen Schieflage nichts.

Dass das Haus für alle Zeiten in die Annalen Wiens eingegangen ist, liegt an den Geschehnissen vom 8. Dezember 1881. Vor dem Beginn einer Aufführung von „Hoffmanns Erzählungen“ brach ein verheerender Brand aus, der fast 400 Todesopfer forderte. Die Geschichte des unseligen Theaters war damit besiegelt. Die Ruine wurde abgerissen, die Katastrophe sollte gesühnt werden, mit einem Neubau, dessen Mieteinnahmen Bedürftigen zugutekommen sollten. Das entsprechende, vom Kaiser gesponserte Bauwerk glich einem mittelalterlichen Spukschloss. Sigmund Freud, der im Sühnhaus (wie es im Volksmund genannt wurde) seine erste Praxis hatte, zog rasch wieder aus - nachdem sich eine Patientin im Stiegenhaus das Leben genommen hatte.

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Die Regisseurin begibt sich auf eine aufwendige, beeindruckende Spurensuche. Bei ihren Recherchen stößt sie auf Geschichten, auf Artefakte - und auf Menschen. Sogar der vermutlich letzte noch lebende Bewohner des Sühnhauses erinnert sich an seine Kindheit am Schottenring. „Ich mag Geisterhausgeschichten und -filme“, gesteht McKechneay, die selbst als Erzählerin auftritt. Der Originalschauplatz spielt naturgemäß eine wichtige Rolle. Freundlich war der Empfang dort nicht gerade.

Die Polizei, so ist zu erfahren, fand die Idee für eine Gespenstergeschichte nämlich eher seltsam. Offenbar fürchtete man ums Image. In dem Haus, so wurde der Regisseurin beschieden, würde Menschen geholfen. Letztendlich wurde eine Dreherlaubnis erteilt, wenn auch mit der Auflage, keine Exekutivbeamten zu zeigen. Somit erscheint die Polizeizentrale im Film als - Geisterhaus. Zum Gruseln ist auch die dort im Keller eingerichtete, längst nutzlos gewordene Einsatzzentrale aus dem Kalten Krieg.

Das nackte Grauen erlebten hingegen die letzten Besucher des Ringtheaters. Für die Katastrophe war, so wird minutiös nachgezeichnet, keineswegs das „Schicksal“ verantwortlich, sondern vielmehr Profitgier und Planungsfehler. Penibel wird dargelegt, wie verschachtelt das Ganglabyrinth rund um die oberen, billigen Ränge angelegt war. Das noble Bürgertum oder die Vertreter des Hofes konnten rasch von ihren Parkett- oder Logenplätzen fliehen. Die weniger wohlhabenden Besucher hatten kaum eine Chance, auch weil Türen nach innen aufgingen, die angesichts des Ansturms der panischen Menge somit nicht geöffnet werden konnten. Der Rettungseinsatz an jenem Abend endete ebenfalls im Fiasko. Helfer wurden von der Polizei als mutmaßliche Diebe beschimpft.

Das Theater wird entlarvt als ein Gewinnmaximierungsbetrieb, in der möglichst viele Plätze auf einer relativ kleinen Grundfläche unterzubringen waren. Die Regisseurin sichtet sogar die Originalpläne - und findet auf der Rückseite Skizzen des Architekten, der offenbar bis zum Schluss um halbwegs praktikable Treppenhauslösungen gerungen hat. Die Spurensuche führt auch ins Bezirksmuseum, in den Pötzleinsdorfer Schlosspark (in dem die einstigen Fassadenstatuen des Theaters ein einigermaßen unheimliches Dasein fristen) oder auch zur Gedenkstätte für die Opfer der Katastrophe am Zentralfriedhof.

Auch Nachkommen von Zeitzeugen kommen zu Wort, etwa Menschen, deren Vorfahren überlebt haben, weil sie einen Zug versäumten - und damit auch die fatale letzte Vorstellung, für die sie Karten hatten. Der letzte Bewohner des Sühnhauses, das ebenfalls den Flammen zum Opfer fiel, kann sich wiederum nicht vorstellen, dass ein Bombentreffer den Brand auslöste. Er geht davon aus, dass in einem benachbarten Gebäude der Polizei in den letzten Kriegstagen belastende Akten vernichtet wurden und das Feuer sich von dort ausgebreitet hat.

Das Sühnhaus wurde, obwohl nicht substanziell beschädigt, abgerissen. Damit war auch das Haus, in dem für die Mieter Lifte eingebaut wurden, die den Dienstboten und den Lieferanten verschlossen blieben, Geschichte. Geblieben sind Fotos - auf denen vermutlich auch jener Portier schemenhaft zu sehen ist, der es vor seiner Versetzung ins Sühnhaus gewagt hatte, sich am Hof mit der Obrigkeit anzulegen und der in einer finsteren Souterrain-Wohnung sein Dasein fristen musste. Wobei: Wirklich begehrt waren auch die noblen Etagen nicht. Das Haus, so ist zu erfahren, stand nach seiner Fertigstellung noch längere Zeit leer.

„Etwas geht um am Schottenring 7“, ist die Filmemacherin überzeugt. Es sind, so konstatiert sie, jedoch weniger Geister als vielmehr Geisteshaltungen, die sich manifestieren. Über Jahrhunderte hinweg sind es die da oben, die über denen da unten stehen. Dass letztere im Ringtheater ausnahmsweise mal selbst nach oben durften, hat ihnen erst Recht kein Glück gebracht, wie dieser sehenswerte Wiener Gruselfilm dokumentiert.

(S E R V I C E - www.suehnhaus-derfilm.at)


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