Kalte 1430er Jahre waren vermutlich „natürliche Wettervariation“

Wien (APA) - Das Leben in den 1430er Jahren in Europa war ein sehr hartes: Die Winter waren extrem kalt und lang, die Folge waren Missernten...

Wien (APA) - Das Leben in den 1430er Jahren in Europa war ein sehr hartes: Die Winter waren extrem kalt und lang, die Folge waren Missernten und Hungersnöte. Ein Forscherteam mit heimischer Beteiligung hat nun in einer im Fachblatt „Climate of the Past“ erschienenen ersten großen Analyse dieser Epoche herausgefunden, dass die Anomalie vermutlich auf „natürlichen Variationen“ des Wettersystems beruhte.

Für den Winter 1432/33 belegen historische Quellen, dass in Schottland Wein erst aufgetaut werden musste, um ihn trinken zu können, aber auch in eigentlich wärmeren Regionen Italiens und Frankreichs reichten mehrere Winter in den 1430er Jahren oft bis in den April, in weniger klimabegünstigten Gegenden sogar bis Mai. Die Ernteausfälle durch späten Frost „bedeuteten für die Menschen, dass sie unter Hunger und Krankheiten litten und viele starben“, erklärte die Historikerin und Initiatorin der europaweiten Forschungsinitiative, Chantal Camenisch von der Universität Bern, in einer Aussendung der European Geosciences Union (EGU).

Dass es ähnliche Kälteperioden immer wieder gab, ist bekannt. Meistens wurden deren Auswirkungen aber nur für bestimmte Regionen erforscht, erklärte die an der umfassenden Untersuchung beteiligte ungarische Historikerin und Geografin Andrea Kiss der APA. Sie beschäftigt sich am Institut für Wasserbau und Ingenieurhydrologie der Technischen Universität (TU) Wien mit Überflutungen in Ost- und Zentraleuropa der vergangenen 1.000 Jahre.

Um mehr über das vielleicht kälteste Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends in Nordwest- und Zentraleuropa herauszufinden, erstellte das internationale Team auf Basis von Daten aus Klimaarchiven, Baumring- und Seesedimentanalysen sowie historischen Dokumenten ein umfassendes Klimamodell. Kiss steuerte historische Analysen zur Situation in Österreich, Ungarn und Polen bei. Für Ungarn sei etwa davon auszugehen, dass dieses Jahrzehnt das zweit-überflutungsreichste im gesamten Mittelalter gewesen ist.

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In dem neuen Modell bestätigte sich nun, dass die klimatischen Umstände zu dieser Zeit „sehr speziell waren“, wie es die an der Uni Bern tätige Klimaforscherin Kathrin Keller ausdrückt. Im insgesamt überprüften Zeitraum vom Jahr 1300 bis 1700 gab es demnach nichts Vergleichbares. Ob es sich bei den 1430er Jahren tatsächlich um die kälteste Periode im vergangenen Jahrtausend gehandelt hat, könne man aber nicht gesichert sagen, so Kiss.

Die Forscher machten sich in weiterer Folge auf die Suche nach den Ursachen für diese Anomalie. Dafür infrage kommen etwa Staubpartikel, die durch Vulkanausbrüche in die Atmosphäre gelangten und Sonnenstrahlen vom Auftreffen auf der Erde abhielten oder eine generell reduzierte Sonnenaktivität zu dieser Zeit. Obwohl es damals Vulkanausbrüche und auch Änderungen in der Sonnenaktivität gab, konnte damit in den Simulationen die Abkühlung aber nicht erklärt werden. Die Analysen zeigten, dass die Abkühlung viel eher durch eine ungünstige zufällige Kombination aus komplexen natürlichen Vorgängen im Zusammenspiel der Atmosphäre, der Ozeane und Landmassen verursacht wurde.

Dieses Beispiel zeige, wie wichtig es auch heute ist, sich als Gesellschaft auf mögliche Klimaanomalien vorzubreiten. Im Vergleich zum 15. Jahrhundert ist der Ausgangspunkt momentan aber anders: Im Vergleich zu damals sind die Klimaverhältnisse insgesamt wärmer, was auch extreme Kältephasen entsprechend abmildern würde, Wärmephasen jedoch befördert, so die Wissenschafter.

(S E R V I C E - Die Publikation online (Abstract): http://www.clim-past.net/12/2107/2016)


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