Wenn Ideologie Halt gibt

Extremismus bietet Jugendlichen Potenzial für Protest und Provokation.

Wenn Jugendliche Perspektiven haben, eine Arbeits-/Lehrstelle, dann sind sie weniger anfällig für Radikalisierung, sagen Experten.
© APA

Von Carmen Baumgartner-Pötz

Wien –Das Familienministerium zieht nach zwei Jahren Betrieb eine positive Bilanz über die Beratungsstelle Ex­tremismus. Rund 1800 Anrufe wurden seit dem Start verzeichnet, 1000 davon Erst- anrufe. Die Mitarbeiter haben bisher 92 persönliche Beratungsgespräche mit Familienmitgliedern geführt. Neben einer deutlichen Zunahme auf niedrigem Niveau bei Anrufen zu rechtsextremen Themenstellungen (von 2 auf 4 Prozent) ist nach wie vor das Thema „islamistischer Fundamentalismus“ dominierend: 42 Prozent der Anrufe drehten sich darum, wie Ressortchefin Sophie Karmasin (ÖVP) bei einem Hintergrundgespräch erklärte. „Wir fühlen uns bestätigt in unserem Zugang, eine niederschwellige Beratung anzubieten. Wie man auch im derzeitigen Hofburg-Wahlkampf sehen kann, geht der Trend in unserem Land immer mehr zu Extrempolen, auch im verbalen Bereich und in sozialen Medien.“

Laut Verena Fabris, Leiterin der Beratungsstelle, lieg­e das Hauptaugenmerk der Beratungsstelle auf Prävention, bisher haben knapp 5000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an insgesamt 240 Fortbildungsworkshops teilgenommen. Den Gutteil der Anrufer machten Angehörige und Freunde aus (23 Prozent), gefolgt von Lehrern mit 16 Prozent. Wobei sich natürlich immer die Frage stelle, was ist jugendliche Provokation und was schon Extremismus? Wenn etwa ein Schüler verkündet, er schreibe keine Schularbeiten mehr, denn das habe der Prophet Mohammed auch nicht gemacht, dann wird das genau hinterfragt. Die Experten gehen jedenfalls davon aus, dass Jihadismus ein jugendkulturelles Phänomen im Zusammenhang mit Provokation ist, Tendenz eher rückläufig. Auch die Ankündigungen von Ausreisen, um sich der Terrormiliz IS anzuschließen, sind in den letzten beiden Jahren weniger geworden.

Was bringt Jugendliche dazu, sich zu radikalisieren? Ein einheitliches Muster gibt es nicht, jeder hat seine eigene Geschichte, heißt es von den Experten. Extremismus ziehe sich quer durch alle Schichte­n, wobei Jugendliche aus bildungsfernen Haushalten anfälliger seien. Gemeinsam hätten alle extremistischen Gruppierungen, dass sie orientierungs­losen Jugendlichen Halt versprechen und ihnen das Gefühl geben, ihr eigenes Leben selbst gestalten zu können. Ziel sei es, Bedürfnisse anders als mit extreme­n Ideo­logien zu decken. Im Budget des Familien­ministeriums ist die Beratungsstelle mit 350.000 Euro für das kommende Jahr abgesichert.

TT-ePaper testen und eine von drei Gasser Tourenrodeln gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Die TT verlost drei Gasser Tourenrodeln und 50 Thermosflaschen

Kommentieren


Schlagworte